In guten und in schlechten Zeiten, in Gesundheit und Krankheit

Nicht jede Beziehung hält der Belastungsprobe einer schweren Erkrankung eines der Partner stand. Studien zeigen dabei: ist die Frau diejenige, die eine kritische Diagnose erhält, ist die Wahrscheinlichkeit einer Scheidung sechsmal höher als für erkrankte Männer.

Viele Studien haben sich mit den gesundheitlichen Auswirkungen von Trennungsstress und Scheidungen beschäftigt – doch wie sieht es umgekehrt aus?

Auch wenn die heute ausgewählten Studien bereits ein paar Jahre alt sind, waren die Größenordnungen oder Differenzen zwischen Männern und Frauen für mich eine Neuentdeckung, die ich mit Ihnen teilen wollte. Lassen Sie uns in den Kommentaren wissen, was Sie darüber denken! Finden Sie es abwegig oder erhalten Sie von Ihren Patienten ähnliche Eindrücke?

Ehen gehen häufiger auseinander, wenn die Frau kritisch erkrankt

Eine in der Zeitschrift Cancer veröffentlichte prospektive Studie1 an 515 Patienten mit ZNS‑Tumoren, anderen soliden Tumoren oder Multipler Sklerose, die zum Zeitpunkt der Diagnose verheiratet waren, ergab zwar insgesamt keine erhöhte Scheidungsrate (12%), jedoch war das Scheidungsrisiko nach Diagnose mehr als 6-fach erhöht, wenn die Frau betroffen war (21% versus 3%, p < 0,001).
Über alle Kohorten hinweg zeigte sich "weibliches Geschlecht" als stärkster Prädiktor für Trennung oder Scheidung. Die Ehedauer bei Erkrankung korrelierte mit Trennungen bei Hirntumor-Patienten (p = 0,0001). Kam es zu Trennung oder Scheidung, wirkte sich dies negativ auf Lebens- und Behandlungsqualität aus. Geschiedene oder getrennt lebende Patienten mit cerebralen Tumoren waren häufiger hospitalisiert, nahmen weniger an klinischen Studien teil, erhielten seltener multiple Therapieregime oder Ganzhirnbestrahlungen und hatten eine geringere Wahrscheinlichkeit, zu Hause zu sterben (p < 0,0001).

Eine größere Arbeit von 20152,3 wertete Daten der Health and Retirement Study (HRS) aus, der größten öffentlich zugänglichen Datenbank hinsichtlich Arbeiten, Altern und Rente in den USA. Die HRS ist für sich genommen schon faszinierend. Sie gilt in den USA als das umfangreichste Projekt im Bereich der Verhaltens- und Sozialwissenschaften, das jemals durchgeführt wurde. Die longitudinale Studie begann 1992 und schloss bis 2010 über 43 Tsd. Teilnehmer ein. Bis Ende 2017 waren auf ihrer Grundlage fast 4.000 Artikel, Dissertationen, Bücher oder Buchkapitel und Berichte entstanden.

Anhand einer Stichprobe von 2.701 Ehen aus der HRS bestätigte diese Arbeit die Ergebnisse der erstgenannten Studie: eine schwere Diagnose (z. B. Krebs, Herz- oder Lungenerkrankung, Apoplex) ging nur für weibliche Betroffene mit einem Anstieg der Scheidungsrate einher. Auch eine große longitudinale Kohortenstudie in Dänemark attestierte Krebspatienten insgesamt kein erhöhtes Scheidungsrisiko, doch bei Differenzierung der Erkrankten nach Männern und Frauen bestand wieder der gleiche Zusammenhang.4

Bis dass der Tod euch scheidet?

Die genannten Studien kommen zu ähnlichen Schlüssen: lebensbedrohliche Erkrankungen bringen erheblichen Stress mit sich, der neben physischen auch psychosoziale Auswirkungen hat. Er kann in Ehekonflikten, Trennungen oder Scheidungen münden, was wiederum Behandlung, Lebensqualität und Überleben nachteilig beeinflussen kann.1

Psychischer und sozialer Rückhalt durch nahestehende Personen gehören zu den wichtigsten Variablen bei der Bewältigung einer kritischen Erkrankung. Funktioniert er gut, kann er sogar die Outcomes entscheidend verbessern. Gleichzeitig fällt es besonders schwer ins Gewicht, wenn diese Unterstützung fehlt oder die Beziehung zu einem zusätzlichen Ursprung von Disstress wird. Laut einer Meta-Analyse ist das Ausmaß der Auswirkungen sozialer Beziehungen auf die Mortalität vergleichbar mit dem Risiko durch Tabak und Alkohol und größer als das Risiko durch Adipositas und Bewegungsmangel.5

Die Qualität der Unterstützung entscheidet

Das bloße Zusammenbleiben der Beziehung allein hilft jedoch nicht zwangsläufig. Aus zahlreichen Studien wissen wir, dass Streit in einer bestehenden Ehe ebenso schwere gesundheitliche Konsequenzen nach sich ziehen kann. Etliche Beispiele für die Relevanz unterstützender oder angespannter Beziehungen für die Gesundheit finden Sie in diesem Beitrag. So stellt sich die Frage, wie viele von den Paaren, die in den Studien nicht unter Scheidungen ausgezählt wurden, sich dennoch nicht optimal gegenseitig unterstützt haben bzw. Hilfe von außen gebraucht hätten.

Über diese Dinge wird im klinischen Therapiesetting erstaunlich wenig gesprochen. Es gibt Daten, die darauf hindeuten, dass Männern die Pflege eines kranken Ehepartners mehr Stress bereitet als Frauen.6 Ist der nicht erkrankte Partner überfordert, wäre es besser, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, als sich in eine für beide belastende Sackgasse zu manövrieren. Neben psychologischer Unterstützung könnten auch Haushaltshilfen oder ambulante Pflegedienste einen Beitrag hierzu leisten. Eine soziale Einbindung und psychologische Mitbetreuung auch des kranken Partners könnte zudem den Effekt haben, dass der nicht erkrankte Partner entlastet wird und sich nicht als alleinige Stütze fühlt.

Referenzen:
1. Glantz, M. J. et al. Gender disparity in the rate of partner abandonment in patients with serious medical illness. Cancer 115, 5237–5242 (2009).
2. Karraker, A. & Latham, K. In Sickness and in Health? Physical Illness as a Risk Factor for Marital Dissolution in Later Life. J Health Soc Behav 56, 420–435 (2015).
3. Sinclair, G. Men Are 6 Times More Likely To leave Their Wives When Serious Illness Strikes, Studies Show. Awareness Act (2019). Available at: https://awarenessact.com/men-are-6-times-more-likely-to-leave-their-wives-when-serious-illness-strikes-studies-show/. (Accessed: 27th January 2019)
4. Carlsen, K., Dalton, S. O., Frederiksen, K., Diderichsen, F. & Johansen, C. Are cancer survivors at an increased risk for divorce? A Danish cohort study. Eur. J. Cancer 43, 2093–2099 (2007).
5. Green McDonald, P., O’Connell, M. & Lutgendorf, S. K. Psychoneuroimmunology and cancer: A decade of discovery, paradigm shifts, and methodological innovations. Brain, Behavior, and Immunity 30, S1–S9 (2013).
6. England, P. Emerging Theories of Care Work. Annu. Rev. Sociol. 31, 381–399 (2005).

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