Telekonsil: Neuer Standard für die Versorgung?

Wie sich Versorgungsstrukturen zeitgemäß gestalten lassen, wird in Projekten des Innovationsfonds erprobt. Dabei geht es auch darum, die Kommunikation der Ärzte untereinander zu verbessern. Bei der konsiliarischen Beratung könnten sich Telekonsile durchsetzen.

Wie sich Versorgungsstrukturen zeitgemäß gestalten lassen, wird in Projekten des Innovationsfonds erprobt. Dabei geht es auch darum, die Kommunikation der Ärzte untereinander zu verbessern. Bei der konsiliarischen Beratung könnten sich Telekonsile durchsetzen.

Über den Innovationsausschuss beim Gemeinsamen Bundesausschuss werden derzeit sechs Versorgungsmodelle unter Nutzung von Telemedizin, Telematik und eHealth gefördert. Ihnen gemeinsam ist, dass sie auf eine telemedizinisch-gestützte Kommunikation zwischen den Versorgungseinheiten setzen. Im Falle einer positiven Evaluation könnten sie Impulse für neue Versorgungsstrukturen liefern.

Erfolgreiche Ansätze sollen künftig in die Regelversorgung überführt werden, so der Gesetzentwurf für eine bessere Versorgung durch Digitalisierung und Innovation, den das Bundesministerium für Gesundheit im Mai 2019 vorgelegt hat. Aufgabe des Innovationsausschusses werde es sein, Vorschläge zu unterbreiten, wie sich die Überführung realisieren lässt, bzw. eine Ablehnung zu begründen. Für Telekonsile, wie sie auch bei PädExperts realisiert werden, sieht der Gesetzentwurf eine ergänzende Vergütung vor.

Projekte des Innovationsfonds

TELEDerm bezieht sich auf die ambulante Versorgung. Durch telemedizinische Konsile erhalten Hausärzte Unterstützung, wenn es gilt, dermatologische Befunde zu bewerten. "Das Besondere für mich ist der Lerneffekt, den Hausärzte erfahren, indem sie eine fachliche Rückmeldung erhalten, statt lediglich eine Überweisung auszustellen. Ihr eigenes Behandlungsspektrum erweitert sich", hebt der ärztliche Projektleiter Dr. Roland Koch, Universitätsklinikum Tübingen, hervor. Mittelfristig könnte so die Versorgungssituation in ländlichen Gebieten verbessert werden, selbst wenn dermatologische Fachpraxen rar sind. Das Modell wird in 50 Praxen und mit sieben konsiliarärztlich tätigen Dermatologen in Baden-Württemberg erprobt. Mehr als 450 Fälle konnten bis Ende Mai 2019 konsiliarisch beraten werden.

'Rücken-innovative Schmerztherapie mit eHealth für unsere Patienten', kurz: Rise-uP, ein Projekt des Klinikums der TU München, will die Behandlung von Patienten mit Rückenschmerzen verbessern. Hierzu sind rund 60 Hausärzte mit zwei Schmerzzentren telemedizinisch vernetzt worden. Eine elektronische Fallakte dient neben der Dokumentation und der Möglichkeit des digitalen Datentransfers als Therapienavigator für eine leitliniengerechte Entscheidungsfindung. Wenn die Patienten ein hohes Chronifizierungsrisiko aufweisen, können die Hausärzte Schmerztherapeuten aus den Zentren via Telekonsil hinzuziehen. Facharztkonsile sind zusätzlich möglich, z.B. bei Verdacht auf Neuropathien. Darüber hinaus erhalten die Patienten eine interaktive Rücken-App, die zu Übungen anleitet. Rund 1.000 Patienten nehmen teil.

In Straubing, Ostbayern, läuft das Projekt Telenotarzt Bayern. Ziel ist es, sowohl die nicht-ärztlichen Rettungskräfte als auch die Notärzte bei ihren Einsätzen beratend zu unterstützen, indem Telenotärzte aus den integrierten Leitungsstellen hinzugezogen werden können. Die Kommunikation mittels audio-visueller Techniken (z.B. BodyCam) und Datenübertragung (z.B. Blutdruck, EKG) erfolgt in Echtzeit. Akzeptanz ist gegeben. Rund 2.000 Einsätze konnten in den vergangenen zwölf Monaten betreut werden. Die eigentliche Herausforderung sieht Projektleiter Klaus Graf, IQ Medworks, in der Verfügbarkeit eines mobilen Netzes: "Für Telemedizin reicht der G4-Standard, aber dieser ist in dünnbesiedelten Gebieten wie dem Bayerischen Wald nicht flächendeckend vorhanden."

Mit TELnet aus NRW wird ein sektorenübergreifendes Tele-Netzwerk für Intensivmedizin und Infektiologie auf den Weg gebracht. Das Projekt basiert auf einem Informationsaustausch via Telekonsil, bei dem sich Ärzte bei Fragen zur Diagnostik und Therapie an Spezialisten aus den Fachabteilungen der Maximalversorgung (Universitätsklinken Aachen und Münster) wenden können. 17 Kooperationskrankenhäuser der Grund- und Regelversorgung sowie zwei Praxisverbünde (in Bünde, Ostwestfalen, und Köln-Süd) beteiligen sich. Rund 1.000 Konsile fanden bislang für Arztpraxen statt. Im stationären Bereich geht die Zahl deutlich darüber hinaus, da die Intensivpatienten täglich visitiert werden.

Enhanced Recovery after Intensive Care (ERIC) unter Leitung der Charité Berlin befasst sich mit den intensivmedizinischen Versorgungsabläufen. Um die Intensivaufnahme möglichst kurz zu halten und zu verhindern, dass Patienten post-intensive-care-Syndrome entwickeln, werden zunächst alle an der Patientenbehandlung beteiligten Berufsgruppen nach den Kriterien der Behandlungsleitlinie geschult. Neben eLearning-Modulen beinhaltet dies ein Simulator-Training und eine Vorort-Schulung. Anschließend begleitet die Charité die Visiten in den teilnehmenden Krankenhäusern telekonsiliarisch. Eine eHealth-Plattform samt Videotelefonie ermöglicht darüber hinaus, die Kommunikation zwischen den Behandlern der Akutversorgung und der Nachsorge in Hausarztpraxen und Rehazentren zu verbessern.

Die Nachsorge nach einer Organtransplantation ist Gegenstand des Projektes Nieren Tx360⁰, das von der Medizinischen Hochschule Hannover auf den Weg gebracht wurde. Mittels elektronischer Fallakte, Videokonferenzen und einem Fallmanagement, das über die Transplantationszentren koordiniert wird, sollen stationär behandlungsbedürftige Komplikationen sowie der Bedarf an Dialysen verringert werden.

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