Medical Gaslighting – die ärztliche Perspektive

67% aller Frauen haben Medical Gaslighting erlebt – das systematische Nicht-Ernst-Nehmen von Symptomen. In Notaufnahmen erhalten sie seltener Schmerzmittel und warten länger auf Behandlung als Männer.

Medical Gaslighting: Eine ärztliche Analyse der systematischen Symptomabwertung

Medical Gaslighting – der Begriff fällt in den letzten Jahren immer häufiger. Ich denke, zu Recht. Gemeint ist das systematische Nicht-Ernst-Nehmen, Relativieren oder Abwerten von Symptomen, besonders dann, wenn sie nicht sofort in ein vertrautes medizinisches Raster passen. Dann passiert es, dass Patientinnen mit Symptomen in die Praxis gehen, und diese am Ende mit Zweifeln an ihrem eigenen Körpergefühl verlassen. Vielleicht wenig überraschend: Dies trifft Frauen häufiger als Männer. Studien zeigen: 67 % der Frauen haben mindestens einmal Medical Gaslighting erlebt, bei Männern sind es 37 %. 

Kein Ärgernis – sondern echtes Gesundheitsrisiko

Medical Gaslighting ist nicht einfach ein Ärgernis für sensible Seelen, sondern ein echtes Gesundheitsrisiko. Eine groß angelegte Analyse von Patientendaten aus den Notaufnahmen in den USA und Israel kommt zu einem deutlichen Ergebnis: Nur 38 % der Frauen, die mit Schmerzen in die Notaufnahme kamen, erhielten ein Schmerzmittel, verglichen mit 47 % der Männer bei ähnlichen Beschwerden. Zugleich mussten Frauen im Schnitt etwa 30 Minuten länger auf eine Behandlung warten und ihre Schmerzen wurden seltener überhaupt erfasst. 

Das widerspricht nicht nur medizinischen Leitlinien, nach denen Schmerzbehandlung unabhängig vom Geschlecht erfolgen sollte, sondern zeigt ein strukturelles Muster, das Forscherinnen und Forscher als gender bias interpretieren. Diese Ergebnisse reihen sich in eine länger dokumentierte wissenschaftliche Beobachtung ein: Bereits eine Studie aus dem Jahr 2008 fand, dass Frauen mit akuten Schmerzen seltener Opioid-Analgetika erhielten als Männer, selbst wenn Alter, Schmerzstärke und andere Faktoren kontrolliert wurden sowie dass Frauen zudem länger auf Schmerzmittel warten mussten. Wer Berichte von Betroffenen liest, erkennt schnell ein Muster: Besonders häufig betroffen sind Menschen mit seltenen oder komplexen Erkrankungen. Aber auch vermeintlich banale Krankheitsbilder fallen darunter – bis hin zu Herzinfarkten, die bei Frauen oft schlicht nicht erkannt werden, weil sie sich anders äußern als im Lehrbuch steht. Jeder, der im Gesundheitswesen arbeitet, weiß: Niemand unter uns geht morgens in die Praxis oder ins Krankenhaus mit dem Vorsatz, Symptome kleinzureden oder Patientinnen zu schaden. Wir arbeiten im Gesundheitswesen, um zu helfen. Gesundheit liegt uns am Herzen. Umso dringlicher ist die Frage: Wie kommt es zum Medical Gaslighting?

Komplexität ist ökonomisch ein Verlustgeschäft

Ein erster Grund liegt in der Struktur unseres Gesundheitssystems. Medizin wird in vielen Bereichen pauschal vergütet, nicht nach Komplexität. In der Niederlassung erhalten wir zum Beispiel rund 16 Euro pro Patientin pro Quartal. Das reicht für akute, einfache Anliegen, aber nicht für Menschen mit vielschichtigen Symptomen, unklaren Verläufen oder Zeitbedarf. Komplexität ist ökonomisch ein Verlustgeschäft. Und Zeitmangel ist ein idealer Nährboden für Stress, vorschnelle Schlüsse. Medizinische Versorgung ist strukturell limitiert. Wer viel Zeit für ausführliche Anamnese, längere Diagnostik oder interdisziplinäre Abklärung braucht, läuft schnell in wirtschaftliche Bedrängnis. Der zweite Grund ist historisch tief verankert: Medizin ist über Jahrhunderte von Männern für Männer gemacht worden. Unsere Leitlinien, unsere Lehrbücher, unsere Sprache sind noch immer männlich geprägt. 

Frauen haben eine höhere Schmerztoleranz

Gleichzeitig wissen wir aus Forschung und Alltag, dass Frauen ihre Symptome oft anders beschreiben, anders einordnen und anders aushalten. Frauen haben im Schnitt eine höhere Schmerztoleranz, sie kommen oft später, nicht früher. 

Der dritte Punkt ist vielleicht der unangenehmste: medizinische Fehlbarkeit. Nicht jede Erkrankung zeigt sich sofort eindeutig. Nicht jede Diagnose liegt beim ersten Kontakt auf der Hand. Doch in einem hierarchischen Medizinsystem gilt: Ich weiß es noch nicht, gilt oft als Schwäche. Ungewissheit wird ungern ausgehalten. Und so wird das Unklare zu schnell ins Psychische verschoben – nicht aus böser Absicht, sondern aus Überforderung. 

Fehlbarkeit wird als Makel betrachtet

In einer hierarchischen Kultur, in der ein „Ich weiß es nicht“ selten belohnt wird, rutschen unklare Fälle gerne in psychosoziale oder rein psychogene Erklärungen. Das führt dazu, dass nicht selten Frauen mit unspezifischen oder atypischen Symptomen in psychische Kategorien eingeordnet werden, bevor ernsthafte Diagnosen überprüft werden. Gerade bei komplexen Krankheitsbildern wie Herzinfarkten oder Autoimmunerkrankungen passiert dies immer wieder. Studien zeigen, dass Frauen mit Herzinfarkt-Symptomen später diagnostiziert und seltener aggressiv behandelt werden als Männer, selbst bei gleichen Risikofaktoren.  Dabei wäre der ehrlichere Ansatz zu sagen:

“Ich sehe Ihre Symptome. Ich kann sie im Moment noch nicht zu einer Diagnose zusammenfügen. Das heißt nicht, dass sie nicht real sind.”

Vielleicht brauchen wir hier einen Perspektivwechsel. Eine Medizin, die anerkennt, dass Patientinnen Expertinnen für ihren eigenen Körper sind und Ärztinnen und Ärzte Experten für Medizin. Wenn wir dieses Wissen zusammenbringen, statt es gegeneinander auszuspielen, wird Gesundheit zu einem gemeinsamen Projekt. Nicht zu einem Machtverhältnis. 

Mehr Sensibilisierung für geschlechtsspezifische Unterschiede

Wir Ärztinnen sind nicht die feindlichen Akteure in dieser Geschichte. Doch wir müssen anerkennen, dass Wissen, Sprache und Diagnosemethoden nicht geschlechtsneutral sind. Wir müssen lernen, die Beschwerden von Patientinnen nicht nur aus dem Blickwinkel historisch männlich normierter Symptome zu interpretieren, sondern aus der Perspektive ihrer individuellen Erfahrung. 

Ein weiterer wichtiger Punkt wäre, strukturelle Rahmenbedingungen zu ändern – etwa mehr Zeit pro Patientin, mehr Frauen in klinischer Forschung, mehr Sensibilisierung für geschlechtsspezifische Unterschiede in der Symptompräsentation.

Ein Arzt oder eine Ärztin, die Fehler eingestehen können, sind nicht fachlich schlecht. Sondern haben gelernt,  dass medizinisches Wissen ein Prozess ist, kein starres Konstrukt.

Eine Medizin, die Fehlbarkeit zulässt, hört genauer hin. Sie gaslightet nicht. Sie begleitet. Und sie sagt im Zweifel auch mal: „Ich weiß es noch nicht und ich nehme Sie ernst.“ Das wäre kein Zeichen von Schwäche. Es wäre ein Zeichen von Stärke.

Teilen Sie Ihre Erfahrungen und Gedanken zum Thema in den Kommentaren. Wie gehen Sie mit unklaren Symptombildern um? Haben Sie Strategien entwickelt, um Medical Gaslighting zu vermeiden?