"Wir verlieren das große Ganze aus dem Blick": Plädoyer für echte Gesundheitssystemreform

Die AU-Debatte lenkt von nötigen Grundsatzreformen ab, kritisiert Dr. Enger. Statt Stellschrauben zu justieren, fordert die IG Med-Mitgründerin mehr Eigenverantwortung.

Wir verlieren das große Ganze aus dem Blick!

Viele diskutieren jetzt die Frage der telefonischen Krankschreibung. Und ich sage: Mir springt das Thema viel zu kurz. Da wird an kleinen Schräubchen gedreht – aber wir müssten das große Rad drehen. Wir verkrampfen uns auf Nebenschauplätzen und verlieren das große Ganze aus dem Blick.

Klar will man sein Wartezimmer nicht mit schniefenden und hustenden Patienten voll haben, die alle anderen anstecken. Aber dafür gab es auch mal eine “Infektsprechstunde”. Für mich ist es auch so, dass wohl mancher Patient denkt: heute habe ich keinen Bock. Und dann ruft er nicht den Hausarzt an, sondern irgendeine Internetsprechstunde, bei der er das Symptom angibt und vielleicht noch die Zeit, wie lange er krankgeschrieben werden möchte. Da ist dem Missbrauch natürlich Tür und Tor geöffnet. Hinzu kommt: Der „Kranke“ muss seine AU auch nicht mehr selbst zum Arbeitgeber bringen, sondern die elektronische AU landet bei der Krankenkasse und der Arbeitgeber hat sich dann zu bemühen, die AU tatsächlich von der Krankenkasse zu bekommen. Der Arbeitnehmer muss nur noch anrufen und Bescheid sagen, dass er krankgeschrieben ist. Die Hürden für eine Arbeitsunfähigkeit sind also sehr niedrig geworden.

Bei Karenztagen lieber Bonus als Strafe

Wenn ich also die Ärzte entlasten will, wäre es sinnvoll, es so zu machen wie die Schweiz oder Österreich. Die haben Karenztage. Man könnte den Arbeitnehmern ein Kontingent an Tagen zugestehen, die sie übers Jahr für Bagatellerkrankungen frei nehmen könnten. Damit würden sehr viele Arztkontakte entfallen. Genau das schlägt unsere IG Med vor. Im europäischen Ausland sind die Karenztage von der Lohnfortzahlung ausgenommen. Das ist allerdings eine politische Entscheidung, die wir als Ärzte nicht zu treffen haben. Unser Vorschlag wäre allerdings eher ein Bonussystem. Werden die Karenztage nicht genommen, gibt es einen Bonus oder mehr Urlaubstage. Lieber Belohnung als Strafe.

Wir Ärzte zahlen für die Geschenke der Gesundheitspolitik der letzten Jahrzehnte

Aber leider drehen die Vorschläge der aktuellen Gesundheitsministerin nicht nur in der AU-Diskussion an kleineren Stellschräubchen. Wir haben fast 30 Jahre lang ein Krankensystem etabliert und gepflegt, mit dem man “(Wahl-)Geschenke” machen wollte – und irgendeiner muss diese Geschenke dann eben auch bezahlen. Meist sind das leider wir Ärzte, nachdem Gesundheitspolitik wie ein sozialpolitisches Füllhorn betrachtet wurde und immer mehr Leistungen in das System gepresst wurden.

Nun müssen wir uns Gedanken machen: Was ist die Zielsetzung? Wohin wollen wir eigentlich mit dem Sozialsystem? Und wie soll es ausgestaltet werden? Meines Erachtens reguliert der Staat zu viel. Wir brauchen wieder die Eigenverantwortung der Patienten. Krankheit und Gesundheit sind schicksalshaft und nur bedingt durch Prävention vom Staat zu regulieren. Kranke brauchen Hilfe – keine Frage – und die müssen sie auch bekommen. Aber wir sehen auch viele “Befindlichkeitsstörungen”, die am liebsten sofort und gleich geklärt werden sollen. 

Das Umlagesystem ist eine Wette auf die Zukunft

Und da sehe ich das Thema Eigenverantwortung. Prävention ist auch Eigenverantwortung: Wir gesund lebe ich? Hier müssen wir dem Patienten die Eigenverantwortung wieder übergeben. Ein Beispiel: ein freiwillig Versicherter zahlt in der gesetzlichen Krankenversicherung monatlich 600 bis 700 Euro oder mehr ein – und im selben Moment ist das Geld schon ausgegeben, weil es ein Umlagesystem ist. Die Bürger machen in so einem System ständig eine Wette auf die Zukunft, ob noch genügend Geld da ist, wenn sie tatsächlich einmal krank werden. 

Gesundheitskonten – auch eine Idee für uns?

Schauen wir uns einmal um, welche Ideen es gibt: Beispielsweise in Singapur das Modell der Gesundheitskonten. Der Bürger hat dort die Pflicht, Geld für seine Gesundheitsversorgung anzusparen. Und er verfügt selbst über dieses Konto. Es kann natürlich teuer werden, wenn er eine schwere Erkrankung bekommt. Das ist dort so geregelt, dass man freiwillig eine Risikoversicherung aus diesem Gesundheitskonto abschließen kann.

Wir haben das mal für einen Diabetespatienten, der keine Folgeschäden hat, gerechnet. Der braucht im Monat 300 Euro. Wieviel zahlt er ein? Oft durchaus mehr.

Die meisten von uns haben keine Ahnung, was sie an ärztlichen Leistungen und Medikamenten monatlich verbrauchen. Das ist aus vielen Gründen nicht gut.

Wenn der Mensch in Singapur Glück hat und gesund bleibt, hat er im Alter Geld auf dem Gesundheitskonto übrig. Das kann er ab einem bestimmten Alter auf sein Rentenkonto oder auf sein Immobilienkonto transferieren. Das klingt sehr charmant. Aber das System wurde dort in den sechziger Jahren aufgebaut. So etwas geht bei uns nicht von jetzt auf gleich. Aber wir haben in den letzten 30 Jahren viel Zeit vergeudet, obwohl die sogenannten Gesundheitsexperten sehr genau wussten, was da auf uns zukommt.

Für neue Ideen sind wir nicht offen genug

Keine Ahnung, ob man sich davon etwas abschauen kann. Doch für neue Ideen sind wir ohnehin nicht besonders offen. Dennoch müssen wir an unserem Gesamtsystem eine Änderung anstreben – sodass es dann irgendwann einmal nachhaltig wird. Im Moment geht es nur darum, welche Leistungen man eventuell streichen kann. Zahnarzt? Psychotherapie? Das halte ich für ziemlichen Quatsch. Zähne haben ja einen großen Effekt für die Gesamtgesundheit. Auf der anderen Seite wird darüber nachgedacht, wie man die Leute noch mehr einzahlen lassen kann.

Migranten sollten ursprünglich nach dem Asylbewerberleistungsgesetz in den ersten eineinhalb Jahre nur Notfallbehandlungen erhalten. Da geht es um Schmerzen, um lebensbedrohliche Erkrankungen. Die Regelung wurde 2015 quasi kassiert und alle bekommen eine AOK-Karte. So wurden die Kosten auf alle Beitragszahler verlagert. Ist das wirklich fair? Muss man das eventuell einmal diskutieren? 

Haben Sie konkrete Vorschläge für das Gesundheitssystem der Zukunft? Diskutieren Sie in den Kommentaren.

Es gibt viele Themen, wo wir an die Wurzel gehen müssen – wo kleine Stellschrauben nichts mehr bringen – weshalb wir nun mit dem Rücken zur Wand stehen.

Leistungen und Preise könnte man demokratischer regeln

Deswegen gehen wir als IG Med jetzt mit einem bekannten Medizinrechtler daran, Vorschläge zu erarbeiten. Zu diskutieren wäre beispielsweise eine genossenschaftlich organisierte Krankenversicherung, wo die Mitglieder gemeinsam entscheiden, welche Leistungen bezahlt werden sollen. Im Moment macht das der Gemeinsame Bundesausschuss. Die Vertreter der Verbände sitzen zusammen und entscheiden über Leistungen, die Krankenkassen übernehmen und zu welchem Preis. Und wenn sie sich nicht einigen können, entscheidet der Vorsitzende anhand der Expertise des Iqwig (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen). Das kostet alles viel Geld. Und das könnte man tatsächlich demokratischer regeln. 

Bürokratischer Papierkrieg nicht mehr alltagstauglich

Wir möchten noch in diesem Jahr einen Vorschlag machen, wie das Ganze wieder schlanker werden kann. Im SGB V stehen Dinge, auf die besonders viele junge Ärzte keine Lust mehr haben. Sie fühlen sich gegängelt von Zulassungsausschüssen. Das ist längst obsolet. Wir haben keine Ärzteschwemme mehr. Im Gegenteil. Fortbildungspflichten, Dokumentationsaufgaben und vieles mehr führen zu einem regelrechten Papierkrieg, der Energie von der eigentlichen Arbeit abzieht. Das ist nicht mehr alltagstauglich. Deswegen ist die entscheidende Frage des Gesundheitswesens: Was wollen wir denn eigentlich erreichen?

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