Die Entdeckung des Frauenherzens

Die Haltung der Ärzteschaft gegenüber dem weiblichen Geschlecht hat in den letzten Jahrzehnten zur Untertherapie von Herzerkrankungen bei Frauen geführt. Der Kardiologe Dr. Miceli beschreibt das Phänomen aus einer medizingeschichtlichen Perspektive.

Das weibliche Herz: Wer es kennt, kann es behandeln

Übersetzt aus dem Italienischen 

Bernardine Healy, Kardiologin und erste US-amerikanische Frau an der Spitze des National Institute of Health, veröffentlichte 1991 einen Artikel mit dem Titel "Das Yentl-Syndrom". Als Inspiration diente eine Figur aus einem Roman von Isaac B. Singer, der 1983 auch mit Barbara Streisand in der Hauptrolle verfilmt wurde. Es geht um eine junge Frau, die gezwungen ist, sich als Mann auszugeben, um in einer Schule, die nur Jungen vorbehalten ist, den Talmud – den heiligen jüdischen Text – studieren zu können.

Dieser Bezug wurde 1992 von der US-amerikanischen Kardiologin Marianne Legato aufgegriffen, die erstmals den Begriff "Frauenherz" prägte und damit die Geburtsstunde der Gendermedizin einläutete. Legato verwies nicht nur auf die zum Teil erheblichen anatomischen Unterschiede zwischen Männer- und Frauenherzen, sondern vor allem auf die Einstellung der Ärzteschaft gegenüber dem weiblichen Geschlecht - die im Grunde genommen nur dann berücksichtigt wird, wenn eine Frau sich als Mann präsentiert.

In dieser Hinsicht haben die Ärzte also vor kurzem das Herz der Frau "entdeckt". Das Herz, das bereits von Dichtern besungen und von Philosophen, Psychologen und Soziologen untersucht wurde. Genauer gesagt wird das Herz der Frau, mehr noch als das des Mannes, traditionell als eine Art Seismograph der Emotionen betrachtet; als Verstärker der Gefühle, das vom Gehirn dirigiert wird. Wobei Gefühle und Emotionen eher in den Händen des weiblichen Geschlechts als des männlichen liegen.

Die "Bikinivision"

Gerade diese konsequente Beschränkung auf die Gefühle und Emotionen des weiblichen Herzens hat in der Ärzteschaft zu einer weit verbreiteten Haltung der Unterschätzung, Unterdiagnose und Untertherapie geführt. Für alle - und leider auch in vielen Berufen der Medizin - wurden und werden Frauen als anfällig für Brust- oder Genitalkrankheiten angesehen; man vergisst, dass Frauen auch ein Herz haben. Das ist die sogenannte "Bikinivision".

Tatsächlich erhalten kardiologische Symptome mehr Aufmerksamkeit, wenn sie von einem Mann gemeldet werden. Doch Frauen erkranken genauso wie Männer an Herzkrankheiten – und wenn sie betroffen sind, dann leider in einem größeren Ausmaß.

Heute sind Frauen häufiger von Herzkrankheiten betroffen, was zum Teil daran liegt, dass ihr Leben, vor allem das Berufsleben, dem der Männer gleicht. Auch ein erhöhter Zigaretten- und Alkoholkonsum trägt dazu bei - wobei das weibliche Geschlecht allerdings den Vorteil hat, durch den Schirm des Östrogens geschützt zu sein, zumindest bis zur Menopause. Nach jahrzehntelangen klinischen Beobachtungen scheint jedoch klar zu sein, dass Östrogene aufgrund der bekannten Thrombose- und Brustkrebsrisiken nicht allen Frauen als Hormonersatztherapie, der so genannten HRT, verabreicht werden können. Heute geht man davon aus, dass es ein gutes therapeutisches Fenster für die Unterstützung der Menopause mit HRT gibt, und dieses Fenster, um einen maximalen Nutzen ohne Risiko zu erzielen, scheint den ersten fünf Jahren der Menopause und nicht später als dem 60. Lebensjahr zu entsprechen.

Gleichstellung der Geschlechter und medizinische Skepsis

Die Gleichstellung der Geschlechter, die politisch mit den "Suffragetten" des späten 19. Jahrhunderts und ihrem Kampf für das Wahlrecht begann, hat also im Laufe der Zeit tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen bewirkt. Der Fokus auf das weibliche Geschlecht ist wichtiger denn je.

Bei den Ärzten herrscht jedoch nach wie vor eine gewisse Skepsis: Vor allem in der Kardiologie ist man nach wie vor geneigt, die Symptome zu unterschätzen, wenn sie von einer Frau beklagt werden. Das bewies ein simples Experiment, das in den Vereinigten Staaten durchgeführt wurde. Einer Gruppe von Kardiologen wurde ein Patientenvideo mit einer Schauspielerin gezeigt, die sich als Hausfrau vorstellte und über Schmerzen in der Brust klagte. Die Bewertung der gleichen Symptome fiel jedoch unterschiedlich und deutlich vorsichtiger aus, als sich die gleiche Schauspielerin in einem weiteren Video als Karrieremanager vorstellte – im Grunde eine moderne Yentl.

Die Behandlung von Frauenherzen

Der Anstieg der Prävalenz von Herzerkrankungen bei Frauen im Vergleich zu Männern ist den Kardiologen inzwischen wohlbekannt. Feldbeobachtungen in den letzten Jahrzehnten haben – wie wir bereits gesehen haben – gezeigt, dass Herzerkrankungen bis zum Beginn der Menopause eher Männer betreffen. Bis zum Alter von 64 Jahren ist jedoch ein Gleichstand zu verzeichnen und zwischen 70 und 75 Jahren überholen die Frauen.

Das Frauenherz wiegt anatomisch gesehen weniger (im Durchschnitt etwa 250g gegenüber 350g bei dem Mann), und die Koronararterien haben einen geringeren Kaliber, so dass sie bei Auftreten von Plaques leichter verengt werden können. Unter den kardiovaskulären Risikofaktoren stellt das Rauchen, das inzwischen weitgehend als eigenständiges Risiko anerkannt ist, bei Frauen ein fast dreifach erhöhtes Risiko dar, bei Vorliegen hoher Cholesterinwerte, insbesondere der so genannten schlechten LDL-Fraktion, sogar ein fünffach erhöhtes.

Ein Faktor, der das weibliche Geschlecht offenbar stärker betrifft, ist der Stress, vor allem im Zusammenhang mit der beim weiblichen Geschlecht traditionell immer noch bestehenden Doppelarbeit, d. h. außerhäusliche Tätigkeit bei gleichzeitiger Hausarbeit und Kinderbetreuung, insbesondere im ersten Lebensjahrzehnt.

Eine Herzerkrankung, die fast ausschließlich Frauen betrifft und an das weibliche Herz als Schatztruhe der Emotionen und Gefühle erinnert, ist das Takotsubo-Syndrom, auch "Syndrom des gebrochenen Herzens" genannt - wobei "Tako" in der japanischen Sprache für Tintenfisch und "Tsubo" für Korb steht. Das betroffene Herz, meist das von Frauen nach der Menopause, weist in der Mitte eine Verengung auf, die an das Werkzeug erinnert, mit dem japanische Fischer Kraken fangen. Die Ursache dieser Pathologie, die einen Herzinfarkt simulieren kann, ist ein durch starken Stress ausgelöster Katecholaminrausch.

In der Tat können wir heute sagen, dass die Gleichheit der Geschlechter um jeden Preis berücksichtigt werden muss und dass vor allem die Ärzteschaft an ihre Verpflichtung erinnert werden muss, eine Patientin, die über Symptome wie Brustschmerzen, Atemnot oder Herzklopfen berichtet, niemals zu unterschätzen.