Einmal Diabetes, immer Diabetes?

"Geld verdient man mit Kranken – nicht mit Gesunden. Noch Fragen?"

"Geld verdient man mit Kranken – nicht mit Gesunden. Noch Fragen?"

"Diabetes-Heilung eher unerwünscht!" – eine solche Überschrift hat Seltenheitswert und sticht ins Auge. Wäre man das deutsche Gesundheitswesen, müsste sie einem ins Herz stechen. Können Sie mit dieser Aussage etwas anfangen? Wir schon.

Zum einen klingt die Aussage irgendwie ketzerisch und wir hatten uns in diesem Blog schon mal gefragt, ob es sich beim Thema Diabetes-Heilung um eine Glaubensfrage handelt. Zum anderen wagten wir uns in einem früheren Beitrag an eine noch ketzerische Frage: Was würden Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, machen, wenn es nur noch gesunde Menschen gäbe? Das ist freilich eine rein hypothetische Fragestellung, aber auch ein selbstreflexives Gedankenexperiment mit potenziellem Erkenntnisgewinn.

Und drittens ist in unseren Beiträgen schon öfter der Name Stephan Martin gefallen. Prof. Martin ist, das werden viele unserer Leser wissen, Chefarzt für Diabetologie und Direktor des Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrums (WDGZ) in Düsseldorf.  Von ihm stammt ein Kolumnenbeitrag auf aerztezeitung.de, der mit der eingangs zitierten Feststellung übertitelt ist. Darin berichtet Martin von den gerade publizierten Zweijahres-Ergebnissen1 der DiRECT-Studie mit knapp 300 übergewichtigen Typ-2-Diabetikern (mittlere Erkrankungsdauer: 3 Jahre).

Zweijahres-Daten der DiRECT-Studie: Diabetes-Remission hält sich

Die Intervention: flüssige Mahlzeiten-Ersatztherapie (< 900kcal/Tag) über 3–5 Monate. Das Ziel: 15kg Gewichtsverlust. Behandlung mit Antidiabetika: bei 40% der Teilnehmer in der Interventionsgruppe, 84% in der Kontrollgruppe. Die Ergebnisse nach einem Jahr:

Nur ein vorübergehendes Strohfeuer? Mitnichten. Die Zweijahres-Ergebnisse lauten:

Fazit: Eine klinische Remission bei Typ-2-Diabetes ist längerfristig möglich, in dieser Studie wurde das, erstmals, für ein Drittel der Patienten nachgewiesen. Die Daten bestätigen prinzipiell die These vom Typ-2-Diabetes als "walking deficiency syndrome", wie es der britische Arzt Sir Muir Gray formuliert hat.

Heilung als finanzieller Schaden

Remissionsfälle sind uns aus der Praxis durchaus bekannt, die Norm sind sie aber nicht und das erklärte Ziel im Versorgungssystem schon gar nicht. Wie auch? Solche, für diejenigen Menschen, die ihren Patientenstatus damit ablegen können, beglückenden Umstände würden in Masse in unserem Gesundheits- bzw. Krankheitswesen einen finanziellen Flurschaden verursachen:  Mit jedem Ex-Diabetiker geht den Krankenkassen Geld aus dem Morbi-RSA flöten und Ärzten bei den extrabudgetären DMP-Pauschalen. Von der pharmazeutischen Industrie gar nicht erst zu reden. "Geld verdient man mit Kranken – nicht mit Gesunden. Noch Fragen?", kommentiert ein Leser.

Heilung kann unter diesen Bedingungen nicht nur eher unerwünscht sein, sie wird auch noch bestraft:  Wer als engagierter Patient durch Lebensstil-Änderung die – in Deutschland noch zu schnell und zu häufig verordnete – Insulin-Therapie beenden kann, muss anschließend seine Blutzucker-Teststreifen aus eigener Tasche bezahlen.

Anfangen mit dem Umdenken: Wenn nicht wir, wer dann?

"Programme werden daher nicht gefördert, weil Krankenkassen entsprechende Verluste mit einrechnen müssten." Das ist die bittere Realität, auf die Martin explizit hinweist. Aus der Einjahresplanungssicht einer Krankenkasse vielleicht nachvollziehbar. Ethisch, medizinisch und in der gesellschaftlichen Gesamtkostenrechnung überhaupt nicht. Die aktuellen gesundheitspolitischen Entwicklungen beim Risikostrukturausgleich sehen leider nicht so aus, als ob Einsicht und Umdenken von der Politik erwartet werden dürfen. Also fangen wir am besten selbst damit an!

Referenzen:
1. Lean MEJ et al. Durability of a primary care-led weight-management intervention for remission of type 2 diabetes: 2-year results of the DiRECT open-label, cluster-randomised trial. Lancet Diabetes Endocrinol 2019;7(5):344-55. doi:10.1016/S2213-8587(19)30068-3

Abkürzungen:
Morbi-RSA = morbiditätsorientierter Risikostrukturausgleich

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