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“Zucker: Aufklären allein reicht nicht”: Oliver Huizinga von Foodwatch im Interview

Diabetes und Adipositas: Foodwatch und Ärzte machen gemeinsam Druck gegen zu hohen Zuckerverbrauch.

Auf der Konferenz „Zukunft Prävention“ geht es auch um politische Möglichkeiten, die Lebensmittel-Industrie zu zwingen, gesündere Lebensmittel zu produzieren, bzw. ungesunde deutlicher zu kennzeichnen. Oliver Huizinga von der Organisation Foodwatch erklärt, wie das funktionieren soll.

esanum: Was machen Sie als Aktivist auf einem Ärztekongress zum Thema Prävention?

Oliver Huizinga/Foodwatch e. V.

Huizinga: Foodwatch kümmert sich im Interesse der Gesellschaft um die Eindämmung der Adipositas-Epidemie und Typ-2-Diabetes. Die medizinische Fachwelt ist da natürlich für uns ein ganz wichtiger Verbündeter. Wir arbeiten seit Jahren sehr gut zusammen. Es gibt viele gemeinsame Veröffentlichungen mit Verbänden und Vertretern der Medizin, die sich kritisch mit dem Zuckerverbrauch und der Lebensmittelindustrie auseinandersetzen. Das soll so weiter gehen.

esanum: Seit wann ist das medizinische Augenmerk auf Zucker eigentlich so gewachsen?

Huizinga: 2003 hat die WHO erstmals gesagt, mehr als 50 Gramm Zucker am Tag sind zu viel. Bis dahin hat die Industrie Zucker als Risikofaktor schlicht geleugnet. Das gelingt jetzt nicht mehr. Aber wir haben immer noch einen der weltweit höchsten Pro-Kopf-Verbrauche von zuckergesüßten Getränken. In Europa sind wir auf Platz 3 – mit 84 Litern pro Kopf und Jahr. Das ist mit ein Grund dafür, dass wir mehr als 6 Millionen Diabetiker haben und ein Viertel der Menschen adipös sind. Da müssen wir endlich ran.

esanum: Wollen Sie auf dem Kongress die Zusammenarbeit mit den Ärzten noch vertiefen?

Huizinga: Das auch. Wir wissen ja, dass die Politik eher reagiert, wenn nicht bloß die altbekannten Industriekritiker von Foodwatch bestimmte Regeln einfordern, wie zum Beispiel Sonderabgaben auf zuckerhaltige Getränke, sondern auch die Fachwelt, und sich die Mediziner in die politische Diskussion einmischen. Dazu wollen wir motivieren. Damit es für die Politik viel schwieriger wird, sich weiter weg zu ducken.

esanum: Sie wollen also mehr Druck machen?

Huizinga: Genau. Das ist notwendig. Im Moment ist es so, dass die Bundesregierung hauptsächlich auf Bildung und Aufklärung setzt – das ist exakt die Strategie der Lebensmittelwirtschaft. Auf diese Weise wird die Verantwortung für die Adipositas-Epidemie einzig und allein den Einzelnen, den Eltern und Lehrern zugeschoben. Dabei ist in der Fachwelt längst klar, dass eine Fokussierung auf Verhaltensprävention, das heißt Appelle, wenig aussichtsreich ist. Die Lebensverhältnisse müssen eine gesündere Essenswahl fördern. Dazu gehören gesündere Rezepturen, Beschränkungen der an Kinder gerichteten Werbung und eine bessere Kennzeichnung. Die Empfehlungen und Forderungen der WHO und der Kinderärzteverbände werden von der Politik nicht ausreichend beachtet.

esanum: Wie soll eine Meinungsänderung erreicht werden?

Huizinga: Wir haben glücklicherweise eine breite öffentliche Diskussion über die Frage, was sind die geeigneten Maßnahmen, um die Adipositas-Epidemie, den Anstieg bei der Typ 2 Diabetes zu stoppen. Es ist wichtig, dass wir diesen Diskurs in der Medienöffentlichkeit führen. Wir brauchen diesen mit Verve geführten Kampf in der Öffentlichkeit.

esanum: Wer ist überhaupt zuständig?

Huizinga: Das Bundesernährungsministerium ist zuständig für die Prävention von Adipositas. Wir glauben, dass dieses Thema bei Gesundheitsminister Hermann Gröhe besser angesiedelt wäre. Das sehen wir auch bei den Gesundheitspolitikern im Bundestag – die sind in Bezug auf Prävention ernährungsmitbedingter Krankheiten viel fortschrittlicher und näher dran an den Empfehlungen der Ärzteschaft als die Ernährungspolitiker.

esanum: Welchen Umgang mit Zucker empfiehlt die kritische Fachwelt?

Huizinga: Die WHO empfiehlt: nicht mehr als 10 Prozent der täglichen Energiemenge durch zugesetzten Zucker sowie aus Säften aufzunehmen. Besser noch wären maximal 5 Prozent. Einfach ausgedrückt heißt das: für einen Erwachsenen maximal 50 Gramm Zucker, noch besser nur 25 Gramm pro Tag. Das ist aber nicht nur an die Verbraucherinnen gerichtet, es handelt sich vielmehr um einen Zielwert, um darauf aufbauend Regularien gestalten zu können. Wenn wir wissen, dass dieser Wert bei Weitem nicht erreicht wird, dann sind Regierungen angehalten, besser dafür zu sorgen, dass dieser Wert eingehalten werden kann. Die Bundesregierung sollte das endlich ernst nehmen.

esanum: Und wie dramatisch ist derzeit der Zuckerkonsum?

Huizinga: Es liegen Zahlen vor, die nicht exakt die gleichen Bezugsgrößen nutzen wie bei der WHO. Bei den Erhebungen wird auch der Zucker aus Früchten mitgezählt. Danach nehmen männliche Jugendliche mehr als 200 Gramm Zucker am Tag zu sich. Doch der Anteil der aus Obst kommt, ist der geringste. Der größte Teil stammt aus Süßwaren und Limonade. Das ist ein erhebliches Gesundheitsrisiko, weil wir wissen, dass gerade die Limonaden nicht nur Adipositas, sondern auch die Entstehung von Typ-2-Diabetes fördern. Wir haben wir es wirklich mit gefährlichen Produkten zu tun.

esanum: Was wünschen Sie sich von den Ärzten?

Huizinga: Die medizinischen Fachgesellschaften und die Ärzteschaft insgesamt sind in den letzten Jahren sehr, sehr aktiv geworden. Sie mischen sich ganz deutlich in die politische Debatte um Übergewichts-Prävention ein. Das kann und soll gerne weiter intensiviert werden!

Zugleich könnte man als Forscher und Wissenschaftler auch darüber nachdenken, aus Präventionsprojekten auszusteigen, die gemeinsam mit der Lebensmittelwirtschaft gemacht werden. Will man zum Beispiel einer Scheinveranstaltung wie der „Plattform für Ernährung und Bewegung“ nach mehr als 10 Jahren Stillstand wirklich weiter als Feigenblatt dienen? Man kann sich ja auch nicht vorstellen, dass man gemeinsam mit der Tabakindustrie die Gefahren des Lungenkrebses eindämmt.

esanum: Ist die Lebensmittelwirtschaft gar nicht kooperationswillig?

Huizinga: Wir wissen aus der Kinderwerbung, dass freiwillige Initiativen sehr wenige Resultate bringen. Wir wissen auch, dass Vorstöße abgeblockt werden, sobald es um die wesentliche Veränderung von Rezepturen geht. Also mit freiwilligen Initiativen der Lebensmittelwirtschaft wird sich hier nicht besonders viel ändern. Deshalb gilt es auch hier wie im Tabakbereich ganz klar zu trennen zwischen den Interessen. Die Devise, alle ins Boot holen, bringt uns der Lösung des Problems nicht näher.

esanum: Ist die jüngere Entwicklung beim Tabak ein Vorbild für den Umgang mit Zucker?

Huizinga: Wie die Wissenschaft mit der Tabakindustrie umgeht, ist insofern ein Vorbild, dass da ganz klar zwischen den Interessen getrennt wird. Die strenge Regulierung, höhere Steuern und der starke Rückgang bei jugendlichen Rauchern – das ist eine Erfolgsgeschichte. Das können wir kopieren.

esanum: Was sind ihre konkreten Ziele?

Huizinga: Ein Zusammenspiel aus mehreren Maßnahmen. Aufklären allein reicht nicht. Wir brauchen eine Ampel-Kennzeichnung auf der Vorderseite aller Produkte. Dazu die Beschränkung der an Kinder gerichteten Werbung. Spielzeugbeigaben dürfen nur für die gesündesten Produkte zugelassen sein. Und nicht zuletzt sollten Sonderabgaben für besonders zuckerhaltige Getränke Anreize bieten, den Zuckergehalt drastisch zu reduzieren.

Das Gespräch führte Vera Sandberg.

Vera Sandberg#Vera Sandberg

Vera Sandberg, geboren 1952 in Berlin, absolvierte ihr Journalistik-Studium in Leipzig und war 12 Jahre lang Redakteurin einer Tageszeitung in Ost-Berlin. Im Juni 1989 wurde ihr die Ausreise bewilligt, seit 1990 ist sie Autorin für verschiedene Publikationen, Journalistin für medizinische Themen und hat mehrere Bücher geschrieben, zuletzt “Krebs. Und alles ist anders”. Vera Sandberg ist Mutter von zwei inzwischen erwachsenen Kindern und lebt seit 2000 bei Berlin.