Corona hat alles verändert: Zurück auf Anfang nach 32 Jahren

Nach drei Jahrzehnten im Beruf erfinde ich mich als Ärztin gerade neu. Ein bisschen wie eine Anfängerin – nur eben mit Erfahrung. Paradox. Das ist eine gute und eine schlechte Nachricht. Zuerst die schlechte – damit es nachher einen optimistischen Ausklang gibt.

Seit zwei Jahren gibt es für uns Hausärzte nur noch sehr wenige medizinische Themen. Zeitweise bestanden 95 Prozent meiner Arbeit aus Gesprächen über Impfstoffe. Aktuell sind es etwa 20 Prozent: Warum soll ich mich impfen lassen? Oder warum nicht? Ist mein Schnupfen vielleicht Corona, muss ich jetzt sterben? Können Sie mich mal abhören, auch wenn gar nichts ist? Jeder Schnupfen wird begutachtet. Und es ist Heuschnupfenzeit! Positiv Getestete kommen auch ohne Symptome: Wann darf ich wieder aus dem Haus? Kann ich was einnehmen?

Habe ich früher vormittags 40 Menschen gesehen, standen jetzt 80 vor der Tür. Alle wollten eine Impfung oder eine Bescheinigung, dass sie nicht geimpft werden können.

Der Rhythmus ist verloren gegangen

Manchmal, wenn der Sarkasmus mit mir durchging, habe ich gedacht: Das, was ich mache, könnte auch ein dressierter Affe. Was ich gelernt habe, nämlich Erkrankungen zu diagnostizieren und sie gut zu behandeln, das kam kaum noch vor. Die eingebaute Alarmanlage, nach bestimmten Symptomen zu gucken, ist wie eingerostet. Blutzuckerwerte, Blutdruck werden nicht mehr regelmäßig kontrolliert. Die Menschen kommen nicht zur Kontrolle. Sie meiden die Praxis, aus Angst vor der Corona-Infektion. Und viele nehmen ihre anderen Erkrankungen nicht mehr so sensibel wahr. So ist zu vermuten, dass wir eine Riesenwelle an Erkrankten vor uns herschieben, die alle erst kommen, wenn es ziemlich spät ist. Und dann direkt in die Notaufnahme.

Wir machen also das Übliche nicht mehr. Und das, was wir machen, bekommen wir nicht adäquat bezahlt. Die Mischfinanzierung in der allgemeinmedizinischen Praxis aus Behandlungsgesprächen, diversen Untersuchungen, Labor, technischen Untersuchungen, EKG, chronischen Erkrankungen gerät aus dem Gleichgewicht. Disease Management Programme für Diabetes, koronare Herzerkrankungen, COPD, sind um mindestens zwei Drittel gesunken. Hausbesuche fallen reihenweise weg. Wer exzessiv gegen Corona impft, kann Einbußen kompensieren. Aber ich kenne Kolleginnen, die in Not geraten. Wenn ab November die spezielle Impfverordnung für Corona-Impfungen endet, wird diese eine Kassenleistung mit Ziffer, die uns lebenslang begleiten wird.

Falsche Kommunikationskanäle während der Pandemie

Auf wen bin ich nun sauer für Monotonie, Mehraufwand, Einbußen, für Ängste und Fehlinformationen unter den Patienten? Der Knackpunkt ist die Kommunikation. Die Warnungen in den Medien waren oft nicht rational. Es ist eine Menge schiefgelaufen. Man hätte uns die Beratung überlassen sollen. Wir Hausärzte haben die Aufgabe, das alles zu erklären, nicht die Medien.

Und nun ist der Trott vorbei. Fortbildung wird noch wichtiger. Es gibt so viel Neues, nicht nur der Umgang mit Affenpocken in der Praxis und den Lebendimpfstoff dagegen. Zum erstenmal sind wir Hausärzte eingeladen, ja inständig gebeten, ein superteures Medikament zu verordnen, das nicht unser eigenes Budget belastet: Evusheld - ein Antikörper für Menschen, die nicht gegen Corona geimft werden können oder bei denen die Impfung nicht wirkt, zum Beispiel Krebspatienten. Die Regierung hat es auf Halde gelegt, wir müssen nur zugreifen. Spannend auch, noch mehr über Allergologie, über Lungenheilkunde, zu erfahren. Infektionserkrankungen muss man global denken, Migrationsmedizin wird wichtiger. Diphterie, Pocken, Polio sind wieder Aufgaben. Und bei allem: Verständnis für Menschen aus anderen Kulturkreisen. Für eine alte Häsin wie mich hat das Charme: Zurück auf Anfang. Das bringt Spaß und hält jung.