Corona und Kinder - da wird vieles durcheinander gebracht

Der niedergelassene Berliner Kinderarzt Dr. Martin Karsten, zuletzt auch Referent in der esanum-Expertenrunde "COVID-19 in der Praxis", muss dieser Tage viel erklären – so groß sind Unsicherheit, Ängste und Fehlinformationen der besorgten Eltern in Bezug auf COVID-19 bei Kindern.

Der niedergelassene Berliner Kinderarzt Dr. Martin Karsten, zuletzt auch Referent in der esanum-Expertenrunde "COVID-19 in der Praxis", muss dieser Tage viel erklären – so groß sind Unsicherheit, Ängste und Fehlinformationen der besorgten Eltern in Bezug auf COVID-19 bei Kindern.

esanum: Maskenpflicht für Kinder - was halten Sie davon?

Karsten: Masken sind sinnvoll ab dem Schulalter. Vorher ist die Gefahr, dass Kinder sich die Maske abreißen und mit zum Teil schmutzigen Fingern Nase und Mund anfassen. Dann ist der negative Effekt deutlich größer. Einfache Stoffmasken genügen, am besten einfache, selbstgenähte Masken - vielleicht mit lustigen Motiven. Auf keinen Fall FFP-3 Masken oder Ähnliches! Die sind Kindern zu luftdicht, dann kann es passieren, dass sie die Eigenluft rückatmen. Das will man ja nicht. Aber ein Kind reißt sich die Maske sowieso ab, wenn es Luftnot bekommt. Passieren kann beim Maske-Tragen also nichts.

esanum: Wie erklärt man den Kindern, dass sie eine Maske tragen sollen?

Karsten: Ab dem Schulalter kann man es ganz einfach erklären: Du weißt ja, wenn du Schnupfen hast und du niest, dass da kleine Partikel verteilt werden, und die können andere Menschen krank machen. Das genügt. Also nicht zu viel erklären. Lieber Vorbild sein, selbst eine Maske tragen. Das ahmen Kinder gern nach. Wovor ich aber warne: Bloß nicht zu große Ängste aufbauen. Ich sehe bereits Kinder, die Ticks entwickelt haben, weil zu viele Ängste entstehen.

esanum: Erleben Sie eine erhöhte Angst um den Nachwuchs? Oder sehen Sie mehr Stress durch die Alltagsbeschränkungen für die Familien?

Karsten: Eindeutig überwiegt die Angst vor den Corona-Viren. Kinder sind für Eltern ihr Ein und Alles. Sie wissen schon, dass Kinder nicht die ersten Gefährdeten sind, aber sie wollen es immer wieder von ihrem Kinderarzt hören. Es gibt immer noch eine große Verunsicherung.

esanum: Kein Wunder, in den Nicht-Fach-Medien liest man, Kinder seien genauso ansteckend wie Erwachsene, was stimmt denn nun?

Karsten: Da wird einiges durcheinandergebracht – und vieles wird auch in die Experten-Äußerungen von den Medien einfach hineininterpretiert. Professor Drosten hat exakt Folgendes gesagt: Kinder haben die gleiche Viruslast wie Erwachsene. Mehr hat er nicht gesagt. Daraus wurde in den Medien gemacht: Für Kinder gelte das Gleiche wie für Erwachsene. Das stimmt nicht. Sie haben die gleiche Virusmenge, aber sie sind nicht so empfänglich wie Erwachsene. Und das ist entscheidend.

esanum: Woher wissen Sie das so genau, wo doch andere unsicher sind?

Karsten: Es gibt eine große, brandaktuelle Studie aus China. Wenn Sie einem Erwachsenen bei der Ansteckungsgefahr den Faktor Eins zuschreiben, dann hat der ältere Mensch beispielsweise den Faktor 1,5. Ältere sind also nicht nur gefährdeter, schlimmer zu erkranken, sie sind auch viel gefährdeter, den Virusinfekt zu bekommen. Und Kinder haben darauf bezogen den Faktor 0,3. Das heißt, ihre Wahrscheinlichkeit sich zu infizieren, ist viel geringer. Auch Erfahrungswerte aus Schweden zeigen, dass die Ansteckung nicht so dramatisch verläuft wie bei einer Influenza. Bei der Influenza gilt: Kinder sind das Feuer der Epidemie. Und das scheint bei Corona nicht so zu sein. Aber wie groß das Restrisiko genau ist, das weiß kein Mensch. Das müsste man jetzt untersuchen.

esanum: Gerade bei Schul- und Kitaöffnungen gehen die Bundesländer sehr verschieden vor, das Virus ist allerdings überall das gleiche. Wie bewerten Sie das unterschiedliche Vorgehen?

Karsten: Das halte ich nicht für richtig. Mein subjektiver Eindruck ist zwar, dass die Gefahr, dass sich Kinder untereinander anstecken, gering ist - aber das ist keine Kohortenuntersuchung. Daher würde ich jetzt die Zeit nutzen, in den geöffneten Notfall-Kitas zu untersuchen, ob und wie sich das Virus dort verbreitet.

esanum: Wird das denn nicht gemacht? Sie könnten sich ja als Kinderarzt an solchen Untersuchungen beteiligen?

Karsten: Nein, es wird leider nicht gemacht. Wenn Kinder untersucht werden sollen, braucht es immer erst eine Ethikkommission, die zustimmt.

esanum: Wer Recht hat, erfährt man meistens erst hinterher, wenn sowieso alle klüger sind – worauf stützen Sie Ihre Expertise?

Karsten: Ich lese sehr viel. Im Moment kommt massenhaft Literatur aus China über die dortigen Erfahrungen. Hinzu kommen meine eigenen Beobachtungen. Seit sieben Wochen machen wir eigene Abstriche. Das sind über 300 Abstriche allein in meiner Praxis. Und da habe ich gesehen, dass die Infektion bei Kindern extrem selten ist. Nur ein Prozent aller Kinder mit respiratorischen Infekten hatte Corona-Viren. Wenn jetzt Kinder mit Fieber, Schnupfen, Husten zum Arzt kommen, haben sie zu 99% etwas anderes. Und ich streiche die Familien immer gleich mit ab, das halte ich für sinnvoll, sodass das Ganze in einer Hand ist. Und klar ist: Meine Erfahrungen stimmen mit der internationalen Literatur überein. Hinzu kommt, wir haben auch eine sehr gute Kommunikation mit den Gesundheitsämtern, die eine sehr gute Arbeit leisten.

esanum: Sehen Sie auch in Ihrer Praxis eine vorläufig gute Tendenz – nehmen die Infektionen ab?

Karsten: Die Ausbreitung ist deutlich weniger geworden. Ich glaube, die Maßnahmen haben extrem gut gegriffen. Hinzu kommt ein saisonaler Effekt, davon bin ich überzeugt. Auch die anderen respiratorischen Infekte sind ja herunter gegangen, so bilden sich weniger Aerosole, der Infekt kann sich nicht mehr so sehr verbreiten.

Die Expertenrunde "COVID-19 in der Praxis" mit den Schwerpunkten Pädiatrie und Gastroenterologie vom 29. April 2020 ist unter diesem Link als Video On-Demand abrufbar. Das Programm für die nächste CME-Expertenrunde der Reihe "COVID-19 in der Praxis" mit den Schwerpunkten Onkologie und Gynäkologie ,welche am 13. Mai 2020 erneut von 14:00 – 16:00 im Livestream zu sehen sein wird, finden Interessierte unter folgendem Link: www.esanum.de/live.

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