Das Mikrobiom zwischen Hype und Hoffnung

Ob in der Dermatologie, Neurologie und Psychiatrie oder Gastroenterologie - das Mikrobiom und seine Auswirkungen auf den Körper werden derzeit in allen Fächern heiß diskutiert. Die DGVS widmete am heutigen Mittwoch in Berlin ihre Jahrespressekonferenz dem neuen Star-Akteur der Medizin.


Auch hier gilt: Der Verlust von Diversität ist ein negativer Faktor

Ob in der Dermatologie, Neurologie und Psychiatrie oder Gastroenterologie - das Mikrobiom und seine Auswirkungen auf den Körper werden derzeit in allen Fächern heiß diskutiert. Die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselerkrankungen (DGVS) widmete am heutigen Mittwoch in Berlin ihre Jahrespressekonferenz dem neuen Star-Akteur der Medizin. Bei der bis auf den letzten Platz gefüllten Veranstaltung sprachen ExpertInnen über die neuesten Erkenntnisse zum Darm-Mikrobiom und stießen dabei auf großes Interesse und viele Fragen.

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED) wie Morbus Crohn oder Collitis ulcerosa sind seit Jahren auf dem Vormarsch. Waren es in den 1970er und 1980er Jahren noch rund 300.000 Betroffene, so leiden mittlerweile ungefähr 400.000 Menschen in Deutschland an CED – Tendenz weiter ansteigend. Früher traten diese Erkrankungen häufig im Alter von 20 bis 30 Jahren auf, heute jedoch sieht sich die Medizin mit einem wesentlich breiteren Altersspektrum konfrontiert: Von Kleinkindern bis zu alten Menschen ziehen sich Neuerkrankungen durch alle Altersschichten und bedeuten eine enorme Belastung für die Betroffenen. Bislang gibt es für die PatientInnen keine Heilung, der Bedarf an neuen Therapien und Behandlungskonzepten ist dementsprechend groß.

Einflussfaktoren: Ernährung und Medikamente

Beteiligt an der Entstehung von CED sind viele Faktoren, genetische sowie äußere, umweltliche. Ernährungsgewohnheiten, Antibiotikabehandlungen in der Kindheit, Hygienepraktiken haben alle Einfluss auf die bakteriellen Gemeinschaften, die den Menschen besiedeln. Und von diesen gibt es viele: "Stellen Sie sich mal vor, ein Genetiker würde von mir eine homogenisierte Probe bekommen und sie analysieren, dann würde er sagen '99 Prozent Bakterium, 1 Prozent Kontamination Mensch'", macht Prof. Stallmach aus Jena bei seiner Begrüßung die Größenverhältnisse deutlich, von denen die Rede ist und betont, dass das Mikrobiom bei der Entstehung von CED einen erheblichen Anteil hat. Als Zivilisationskrankheiten seien die CED zu einem großen Teil auf die Ernährung zurückzuführen. 

Zu viel rotes Fleisch, Zucker, ballastoffarme Lebensmittel und industriell verarbeitete Lebensmittel wirken sich negativ auf auf das Bakterienspektrum aus. Das gleiche gilt für Antibiotikatherapien, besonders wenn diese mehrfach in der Kindheit erfolgen. Stallmach betont, dass eine dreimalige Antibiotikatherapie über jeweils zwei Wochen bei einem Kind das Risiko, an einer CED zu erkranken, um das Vier- bis Sechsfache ansteigen lässt.

Korrelation bekannt, Kausalität nicht 

Das gesunde Mikrobiom ist von hoher bakterieller Diversität gekennzeichnet; CED-PatientInnen weisen demnach eine erheblich geringere Bakterienvielfalt im Darm auf als gesunde Personen. "Das, was immer auffällt, ist, dass diese Vielfältigkeit reduziert ist. Und der Verlust von Vielfältigkeit, von Diversität, ist für jedes Ökosystem, aber auch für jede Gesellschaftsform, ein negativer Faktor", so Stallmach. 

Dass es Korrelationen zwischen Mikrobiom und zentralen physiologischen und pathophysiologischen Reaktionen gibt, ist mittlerweile vielfach belegt. Adipositas, Fettstoffwechselstörungen, Diabetes mellitus, aber auch neurologische Erkrankungen wie Multiple Sklerose oder Morbus Parkinson und Krebserkrankungen weisen Veränderungen der Mikrobiota auf. Schwierig ist allerdings nach wie vor die Frage nach der Kausalität. Obwohl es auch hier, zum Beispiel bei der Entstehung von Hautkrebs, erste Forschungsergebnisse gibt, die auf Kausalitäten hinweisen, ist bei den CED und vielen anderen Erkrankungen noch unklar, ob sie durch ein Bakterienungleichgewicht entstehen oder dieses eine Folge der Erkrankung ist. Dennoch gilt als gesichert, dass ein verändertes Mikrobiom an der Entstehung von Krankheiten zumindest beteiligt ist.

Therapieoption FMT?

Eine Möglichkeit, ein gestörtes Mikrobiom zu behandeln, ist der fäkale Mikrobiota-Transfer (FMT). Er basiert auf der Hypothese, dass die wirtseigene Mikrobiota durch den Transfer der intestinalen Mikrobiota einer gesunden Person stabil ersetzt werden kann. Dabei wird aus dem Stuhl von gesunden Personen per Einlauf, endoskopisch oder oral als Kapsel die Mikrobiota auf die erkrankte Person übertragen. Dieses Konzept hat sich bei der rekurrenten Clostridioides-difficile-Infektion (CDI) als äußerst wirksam erwiesen.  Die Behandlung der CDI mit Antibiotika zieht häufig rekurrente Infektionen nach sich. Zum Teil mit fatalen Folgen: In deutschen Krankenhäusern weist die CDI die höchste Todesrate bei gastrointestinalen Infektionen auf. Die Behandlung mit FMT hingegen erreicht Heilungsraten von mehr als 70 Prozent gegenüber Heilungsraten zwischen 19 und 33 Prozent bei der klassischen Antibiotikatherapie. Diese vielversprechenden Ergebnisse geben auch Hoffnung auf Therapieoptionen für andere Behandlungsfelder. Derzeit wird die Wirksamkeit bei Colitis ulcerosa in Studien überprüft.

Unklar ist noch die Frage nach Langzeitnebenwirkungen. Möglicherweise können durch das Spender-Mikrobiom Krankheitspotenziale übertragen werden, die zum Zeitpunkt der Spende nicht ersichtlich sind, da keine Sicherheit über später auftretende Erkrankungen besteht. Somit gibt es hier bei allem Optimismus noch erheblichen Forschungsbedarf. 

Quelle: Jahrespressekonferenz der DGVS, 15.05.2019, Berlin

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