Ein Brief wie ein Dolchstoß fürs Gesundheitswesen

Unlängst erreichte mich ein Brief der Ärzteversorgung. Erst wollte ich lachen, dann wurde ich stutzig. Und auch ein bisschen wütend.

Unlängst erreichte mich ein Brief der Ärzteversorgung, da ein gewisser runder Geburtstag bevorsteht. Es wurde aber nicht etwa gratuliert, sondern ein scheinbar wohlmeinender Vorschlag für meine Zukunft gemacht. Ich könne gern im nächsten Jahr in den Vorruhestand gehen. Es war auch gleich die Auflistung der zu erwartenden Rentenabzüge dabei. Bis zu dreißig Prozent, wenn ich gleich in Rente ginge.

Erst wollte ich lachen und das Schreiben umgehend ins Altpapier entsorgen. Gedanken um meine Zukunft mache ich mir immer noch selbst, das ist lebenslang eingeübt. Dazu brauche ich keine Anregung irgendwelcher Bürokraten. Dann wurde ich stutzig. Und auch ein bisschen wütend.

Vorruhestand in Zeiten eines nie dagewesenen Ärztemangels?

Haben wir nicht einen nie dagewesenen Ärztemangel? Fehlt es nicht an Niederlassungen und Hausärztinnen im ganzen Land? Ist nicht medizinischer Nachwuchs überall schwer zu finden? Da die Erfahrensten rausloben, das ist wie ein Dolchstoß fürs Gesundheitswesen. Niedergelassene Hausärzte sterben aus. Und sie wissen nicht, wie sie die Versorgung sichern sollen. Herr Lauterbach lobt unsere Erfahrung - und zwar zu Recht! Andererseits lockt uns der Versorgungsträger aus der Arbeit in den Vorruhestand? Ich frage mich: Welche Interessen vertritt diese Versicherung eigentlich?

Gut, es war auch ein Bonbon bei dem Anschreiben dabei: ich könnte uneingeschränkt dazuverdienen - als angestellte Ärztin. Also weiterarbeiten, vielleicht in meiner dann ehemals eigenen Praxis. Mit entsprechend weniger Rente - und zwar für immer. Selbst wenn ich darüber hinwegsehen könnte, dass es extrem gewöhnungsbedürftig wäre, auf einmal eine Chefin zu haben, die man fragen muss, ob man einen Tag frei haben kann, hätte die Konstruktion einen gewaltigen Haken: Als Angestellte und Rentnerin darf ich nie ernsthaft krank werden. Denn für Rentnerinnen gibt’s nach sechs Wochen Krankengeld nichts mehr. Gar nichts. Nun bin ich gesund und fit, aber als Ärztin weiß ich natürlich: in eben diesem Alter steigt das Risiko, dass doch irgendetwas Einschränkendes passieren kann.

Ich habe genau das bei einer Kollegin erlebt, die vorzeitig in Rente gegangen ist und sich anstellen lassen hat. Sie wurde tatsächlich schwer krank und musste bald von ihrer Rente leben. Da sie aus dem Ausland gekommen war, fiel die nicht besonders üppig aus. Ich hatte sie gewarnt. Aber sie wollte das Risiko nicht sehen.

Tausche: Arzt-Existenz gegen Anstellung auf eigenes Risiko

Diesen Brief kriegen alle in meinem Alter, auch in anderen Bundesländern. Man lädt sie ein, ihre Existenz aufzugeben und sich auf eigenes Risiko anstellen zu lassen. Kolleginnen, die darauf eingehen, haben aus verschiedensten Gründen keine Lust mehr. Die Bürokratie geht ihnen auf die Nerven. Sie wünschen sich mehr Freizeit. Sie haben ihre Schäfchen im Trockenen und werden sicher nicht verhungern. Aber wenn sie alle aussteigen, verstärkt das den Ärztemangel immer weiter.

Meine Praxis liegt mitten in Berlin, mit einem guten Patientenstamm ist sie gut verkäuflich. Und es gäbe sicher auch ein Versorgungszentrum, das mir mit Kusshand den Kassensitz abkaufen würde. Aber ein weiterer Hausarzt wäre weg. Die Menschen würden ein paar Ecken weiterziehen, wenn sie Behandlung brauchen. Dort würde ein Dutzend oder mehr angestellte Ärzte zur Verfügung stehen. Wahrscheinlich jedesmal ein anderer. Für meine Patienten wäre das nicht optimal. 

Der Brief hatte, wie das oft so ist, auch etwas Gutes: Ich weiß wieder einmal, was ich habe: nämlich reichlich Zeit, das alles zu planen und vorzubereiten. Bis dahin verzichte ich bewusst auf zusätzliche Freizeit, behalte meine Selbständigkeit und betreue meine Patienten gern weiter. Und ich hoffe sehr, dass nicht allzu viele Kolleginnen der Verlockung folgen, alles hinzuschmeißen, was sie sich aufgebaut haben. Weil das sonst für die, die noch da sind, viel, viel mehr Arbeit bedeutet.