Erste Hilfe in der Grundschule

Erste Hilfe ist in Deutschland zum Problem geworden. Kaum jemand beherrscht die lebensrettenden Maßnahmen, in Notfällen überwiegen nicht selten Desinteresse oder Sensationslust.

Schon Kindern Mut zum Helfen geben

Erste Hilfe ist in Deutschland zum Problem geworden. Kaum jemand beherrscht die lebensrettenden Maßnahmen, in Notfällen überwiegen nicht selten Desinteresse oder Sensationslust. Das Handy wird nicht genutzt, um Retter zu alarmieren, sondern um möglichst spektakuläre Fotos zu machen. Ein von Medizinstudenten gegründeter Verein will das ändern.

Hardrock von AC/DC schallt durch die Turnhalle der Friedensgrundschule in Frankfurt (Oder). Im Takt der Musik drücken Kinder mit beiden Händen kräftig auf den Oberkörper einer Übungspuppe aus Plastik. "Zweimal pro Sekunde, das Ganze eine halbe Minute lang und dann Mund-zu-Mund-Beatmung", erklärt die neunjährige Sara Fina aus der 3a mit vor Anstrengung hochrotem Kopf. Zwischendurch hält die Drittklässlerin prüfend das Ohr an den Mund der Puppe, um eventuelle Atembewegungen zu spüren.

Was sie und die anderen 257 Mädchen und Jungen im Akkord demonstrieren, ist das Ergebnis der vergangenen zwei Unterrichtstage, an denen die Erste Hilfe auf dem Stundenplan stand. Zu Gast an der Schule sind Ausbilder des Vereins "Pépinière", den Brandenburger Medizinstudenten der Berliner Charité vor zwei Jahren gegründet hatten.

Bleibt erste Hilfe aus, ist oft auch Rettungsdienst machtlos

"Ansehen, Ansprechen, Anfassen, Atemkontrolle, Anrufen", listet Philipp Humbsch in der Turnhalle das erste Vorgehen in Notfällen auf. Der gebürtige Frankfurter ist Medizinstudent im 11. Semester, hat zuvor als Rettungsschwimmer und Rettungssanitäter gearbeitet. "Oftmals kamen wir zu spät. Weil niemand zuvor Erste Hilfe leistete, waren unsere Reanimationsbemühungen letztlich nicht mehr erfolgreich", erzählt er von seinen Erfahrungen.

Um das zu ändern, müsse man in der Grundschule anfangen. "Praktisches Denken ist leichter als Lesen und Schreiben zu lernen, erst recht wenn die Kinder dabei Spaß haben", glaubt Humbsch. Und wenn schon Erstklässler die Erste Hilfe beherrschen, gebe es für Erwachsene erst recht keine Ausrede mehr. Nicht nur der Verein, sondern auch das Schulungsprojekt unter dem Motto "Jeder kann ein Held sein", waren geboren. Über 3.600 Brandenburger Kinder an mehr als 30 Grundschulen haben das bereits bewiesen und ein "Heldendiplom" abgelegt.

Zivilcourage fördern

Humbschs größter Wunsch: "Die Kinder sollen künftig in Notsituationen Zivilcourage zeigen und nicht wegschauen." Meist gestaltet "Pépinière" die drei Projekt-Schultage gemeinsam mit freiwilligen Feuerwehren oder dem Technischen Hilfswerk. "Wir werben also gleichzeitig für das Ehrenamt in diesen Hilfsorganisationen, denen es an Nachwuchs fehlt", erklärt er.

16 Mitglieder hat der Verein heute, dazu rund 60 ehrenamtliche Ausbilder. "Dazu zählen mittlerweile nicht nur wir Studenten, sondern auch Rettungssanitäter, Feuerwehrleute oder Krankenpfleger", erzählt Alina Schultze-Berndt. Sie kennt die Hilflosigkeit in einer Notsituation aus eigenem Erleben. "Als ich noch ein Kind war, fiel mein Vater in Ohnmacht und ich habe mich nicht getraut, etwas zu tun", berichtet die 20-Jährige aus Oberkrämer (Oberhavel). Das sei ein Beweggrund gewesen, bei "Pépinière" mitzumachen. Außerdem habe sie Spaß an der Arbeit mit Kindern und sei begeistert, wie motiviert und lernfähig sich die Frankfurter Grundschüler anstellten, erzählt die Medizinstudentin im 6. Semester.

Fasziniert von dem dreitägigen Projekt ist auch Schulleiterin Adrienne Spohn. "Es ist toll, wie unkompliziert und dennoch konzentriert den Kindern Kenntnisse vermittelt werden. Und auch wir Pädagogen haben unsere Erste-Hilfe-Kenntnisse auffrischen können", sagt sie. Positiver Nebeneffekt: Es gibt laut Spohn eine enge Verbindung zu Themen aus dem Sachkundeunterricht: Gesunde Ernährung, die Vermeidung von Unfällen, Ge- und Missbrauch von Notrufnummern. Damit stabile Seitenlage, Druckverband und Reanimation bei den Schülern tatsächlich "hängen bleiben", würde sie das Projekt gern in zwei Jahren wiederholen, sagt die Schulleiterin.

Andere Städte wollen Beispiel folgen

"Der Verein ist bereits bis Oktober nächsten Jahres ausgebucht. Alle zwei, drei Jahre sollten die Kenntnisse aber tatsächlich aufgefrischt werden", sagt Theresa Ander von der Krankenkasse BKK, die "Pépinière" jetzt finanziell unterstützt. Die Kasse fördere das Projekt, weil es wichtig sei, schon Kindern die Angst zu nehmen, sie könnten etwas falsch machen, wenn sie im Notfall helfen.

Der gemeinnützige Verein trägt sich über Sponsoren wie die Unfallkasse Brandenburg und Preisgelder. Denn ausgezeichnet wurde das Projekt "Jeder kann ein Held sein" bereits oft. Und inzwischen gibt es auch Interesse aus anderen Teilen Deutschlands – in Sachsen, Hamburg, Greifswald oder Regensburg und auch in Berlin möchten Medizinstudenten Ähnliches auf die Beine stellen.

Humbsch ist bald fertig mit dem Studium, will aber trotzdem weiter im Vorstand des Vereins bleiben. "Mein Ziel ist es, dass die Erste Hilfe fest zum Grundschul-Lehrplan gehört." Seine berufliche Zukunft sieht der 27-Jährige als Notarzt. "Wo genau ich arbeiten werde, kann ich mir quasi aussuchen, da Mediziner überall gebraucht werden. Aber ich bleibe auf jeden Fall in Brandenburg", sagt er voller Überzeugung.

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