"Homöopathie hat sich als komplementäre Heilmethode seit Jahrzehnten bewährt"

Interview mit Cornelia Bajic, Vorsitzende des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte (DZVhÄ), über die Rolle von Homöopathie in der Medizin.

Interview mit Cornelia Bajic, Vorsitzende des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte, über die Rolle von Homöopathie in der Medizin

Cornelia Bajic ist Ärztin für Allgemeinmedizin und Homöopathie in Remscheid. Gleichzeitig ist sie Vorsitzende des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte e.V. (DZVhÄ), der als Interessensvertretung der homöopathisch tätigen Ärzte fungiert. Homöopathie ist unter zahlreichen Ärzten umstritten. Das Argument der Kritiker: Es fehle wissenschaftliche Evidenz für die Wirksamkeit.

Bajic vertritt eine andere Auffassung. Sie fordert, dass Homöopathie als komplementäre Heilmethode neben der Schulmedizin anerkannt wird. "Die integrative Medizin muss gefördert werden. Aus meiner Sicht ist sie die Zukunft", sagt sie. Die Schulmedizin sei nicht perfekt. Auch sie habe Nachteile und Grenzen.

esanum: Frau Bajic, Sie sind Ärztin für Allgemeinmedizin und gleichzeitig für Homöopathie mit einer eigenen Praxis. Wie kamen Sie zur Homöopathie?

Bajic: Ich hatte mich bereits während meines Studiums für Homöopathie interessiert und habe dann schnell die entsprechende Zusatzausbildung gemacht. Wie viele andere war ich anfangs auch skeptisch, was die Wirksamkeit angeht. Ich gehöre zu den Menschen, die etwas erst einmal selbst testen müssen, bevor sie überzeugt sind. In meiner Praxis habe ich festgestellt, dass Homöopathie wirkt und Patienten hilft. Seitdem habe ich eine homöopathische Praxis, in die Patienten natürlich auch gezielt wegen der Homöopathie kommen. Gleichzeitig wende ich aber auch weiterhin die Schulmedizin an. Ich bin Hausärztin.

esanum: Homöopathie steht wie zuletzt im Spiegel immer wieder in der Kritik, weil es keine Evidenz für ihre Wirksamkeit gebe. Unter anderem Ärzte des Münsteraner Kreises zweifeln die Wirksamkeit von Homöopathie an. Wie gehen Sie mit dieser Kritik um?

Bajic: Dass es Kritik gibt, ist mir nicht entgangen. Aus meiner Sicht läuft eine Kampagne gegen die Homöopathie. Die Kritik kommt immer aus derselben Gruppe. Homöopathie stellt für mich eine komplementäre Heilmethode dar, die sich seit Jahrzehnten bewährt hat. Dass es keine Evidenz und keine Studien gibt, die die Wirksamkeit belegen, stimmt nicht. Es gibt zu wenige Studien - das ist richtig. Es müsste mehr Geld in die Erforschung von Homöopathie gesteckt werden.

esanum: Sie sagen, es gebe für Homöopathie eine wissenschaftliche Evidenz. Worauf stützt sich diese These? Wenn sich über den Zeitverlauf ein Heilungserfolg einstellt, muss das nicht an einer therapeutischen Maßnahme liegen.

Bajic: Die Wirkung der Homöopathie wurde in zahlreichen Studien nachgewiesen. Es gibt natürlich auch homöopathische Mittel in niedrigen Potenzen. Hier ist ein Wirkstoff durchaus vorhanden. Ein Beispiel ist die Belladonna (Die Redaktion: Tollkirsche), die in zu hoher Konzentration gefährlich sein kann. Tests haben aber gezeigt, dass die durch Verdünnung und Verschüttelung hergestellten höheren Potenzen auch eine Wirkung besitzen. Es ist bei vielen homöopathischen Mitteln so, dass der Wirkmechanismus nicht klar ist, aber in der Praxis stellen wir fest, dass sie wirken. Das ist im Übrigen nicht anders als in der Schulmedizin und als bei diversen klassischen Medikamenten. Auch bei diesen lässt sich häufig nicht erklären, wo diese ansetzen und warum sie gegen bestimmte Symptome und Krankheitsbilder wirken.

esanum: Für welche Erkrankungen sehen Sie eine homöopathische Behandlung als sinnvoll an? Wo sind der Homöopathie Grenzen gesetzt?

Bajic: Für mich ist die Schulmedizin im Bereich der Intensivmedizin konkurrenzlos. Auch bei einer Erkrankung wie Diabetes steht fest, dass ein Patient Insulin erhalten muss. Hat jemand beispielsweise eine schwere Influenza, muss er bei einem komplizierten Verlauf ins Krankenhaus.

Zu mir kommen viele Patienten, die haben alles ausprobiert. Ihnen konnte die Schulmedizin nicht weiterhelfen. Sie möchten aber, dass ihr Leidensdruck abnimmt. Insbesondere bei schweren chronischen Erkrankungen sehe ich eine homöopathische Behandlung als sinnvoll an: zum Beispiel bei Hauterkrankungen wie Neurodermitis, bei Heuschnupfen, Rheuma oder chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen. Kommt jemand mit einer Bronchitis, dann würde ich schon versuchen, homöopathisch zu behandeln. Ich würde natürlich ab einer gewissen Schwere der Erkrankung auch Antibiotika verschreiben, obwohl ich der Meinung bin, dass der Einsatz von Antibiotika mit Blick auf Resistenzen reduziert werden muss. Es ist insofern kein Entweder-oder.

"Es ist kein Entweder-oder"

esanum: Welche Rolle sollte Homöopathie aus Ihrer Sicht im deutschen Gesundheitssystem spielen? Wie könnte sie sinnvoll mit der klassischen Medizin kombiniert werden?

Bajic: Für mich haben Heilverfahren wie Akupunktur, Naturheilkunde und Homöopathie alle ein bestimmtes Potenzial, sodass sie komplementär mit der Schulmedizin eingesetzt werden sollten. Wir hätten dann ein größeres Spektrum, um Krankheiten zu behandeln und zu heilen. Die integrative Medizin muss gefördert werden. Aus meiner Sicht ist sie die Zukunft.

esanum: Warum ist Ihnen die Zusatzbezeichnung "Arzt für Homöopathie" so wichtig?

Bajic: Die Behandlung schwerer chronischer Erkrankungen sollte in der Hand eines Arztes liegen. Das gilt für eine homöopathische Therapie genauso wie für die Schulmedizin. Es geht um die Patientensicherheit. Die Zusatzausbildung wird von den Ärztekammern zertifiziert. Man muss eine Reihe Kurse absolvieren. Somit gibt es eine garantierte, offiziell bestätigte Qualität in der Ausbildung.

esanum: Bei der Zulassung von Medikamenten und Indikationserweiterungen geht es um den Zusatznutzen eines Präparats, der mittels Studien zu belegen ist. Inwieweit ist es gerechtfertigt, homöopathische Arzneimittel davon auszunehmen?

Bajic: Homöopathische Arzneimittel können diese Studien nicht durchlaufen. Es gibt schon einige, die eine Zulassung durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte BfArM und somit auch die Wirksamkeit nachgewiesen haben, aber in der Gesamtheit müsste man für jede Potenz eines Wirkstoffs eine Zulassung beantragen. Das ist zu teuer; tatsächlich unbezahlbar. Deshalb ist es sinnvoll, dass das BfArM eine Ausnahme macht. Homöopathische Arzneimittel werden vom BfArM ohne Anwendungsgebiet registriert oder mit Anwendungsgebieten zugelassen. Aber: Für jedes Arzneimittel wird die Unbedenklichkeit geprüft. Die Patientensicherheit darf nicht gefährdet sein. Es können also keine Schäden auftreten. Patienten sind zudem durch die Apothekenpflicht geschützt, was ich ausdrücklich befürworte.

esanum: Der vergangene Ärztetag hat die Rolle der Homöopathie diskutiert, sie am Ende sogar gestärkt. Gleichzeitig übernehmen viele Krankenkassen die Bezahlung von homöopathischen Behandlungen. Blicken wir voraus: In welche Richtung soll sich Homöopathie in Deutschland entwickeln?

Bajic: Es bedarf einer öffentlichen Forschungsförderung. Es gibt zu wenige Wiederholungsstudien und die Hersteller homöopathischer Arzneimittel verfügen nicht über die finanziellen Kapazitäten wie "Big Pharma", um diese allein zu finanzieren – auch wenn die Berichterstattung häufig einen anderen Eindruck erweckt. Etwa 80 Prozent der Patienten haben über ihre Krankenkassen die Möglichkeit, homöopathische Behandlungen bezahlt zu bekommen. In meinen Augen sollte jeder Zugang zur Homöopathie haben. Vorbild könnte die Schweiz sein, wo Homöopathie in den Katalog der Grundversorgung aufgenommen wurde. Ansonsten wünsche ich mir, dass Homöopathie als eine komplementäre Heilmethode neben der Schulmedizin anerkannt wird. Die Schulmedizin ist nicht perfekt. Auch sie hat Nachteile und Grenzen.

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