Suizidalität in der Uroonkologie: Männer sind anders depressiv

Wie ein Mensch mit der Diagnose Krebs umgeht, hängt von vielen bio-psycho-sozialen Faktoren ab. Ist der Prozess der Krankheitsverarbeitung gestört, kommt es zu Angst, Aggressionen und Depressionen. Eine Nachbeobachtung und ständige Begleitung der Tumorpatienten ist daher außerordentlich wichtig.

Krankheitsbewältigung bei tumorkranken Männern mit Suizidgedanken gestört

Wie ein Mensch mit der Diagnose Krebs umgeht, hängt von vielen bio-psycho-sozialen Faktoren ab. Die Erkrankung bedeutet in der Regel der Fälle eine nahezu maximale Stressbelastung, Existenzängste und die eigene Sterblichkeit rücken dabei in den Vordergrund. Das Vermögen, mit diesem Stress im Alltag umzugehen, wird als Resilienz bezeichnet. Ein hoher Resilienzgrad hilft dabei, die Krankheit entsprechend am Ende eines Entwicklungsprozesses akzeptieren zu können. Ist dieser Prozess der Krankheitsverarbeitung jedoch gestört, kommt es zu Angst, Aggressionen und Depressionen – in diesen Fällen steigt das Suizidrisiko an. Eine Nachbeobachtung und ständige Begleitung der Tumorpatienten ist daher außerordentlich wichtig.  

Suizidalität ist statistisch betrachtet häufiger ein männliches Phänomen. Doch nicht nur potenziell lebensbedrohende Erkrankungen, wie z. B. Urogenitaltumoren, treiben Männer in den Suizid. Ebenso lässt sich mit zunehmendem Alter und dem Wegbrechen der Kontaktnetzwerke sowie daraus resultierender Einsamkeit eine Alterssuizidalität in beiden Geschlechtern beobachten.

Cave: Die Suizidrate bei Ärzten ist ebenfalls erhöht, wie die Statistiken zeigen. Gründe dafür sind zum einen, weil die Ärzte sich tagtäglich mit belastenden Themen beschäftigen müssen, zum anderen aber haben Ärzte selbstverständlich sowohl die Expertise als auch den Zugang zu Medikamenten, um sich das Leben nehmen zu können.

Diagnose Krebs und mit einem Mal ist alles anders

Krebserkrankungen gelten ebenso wie starke chronische Schmerzen oder drohende Verstümmelung, wie nach Penektomie, zu den Risikofaktoren für Suizidgedanken bei betroffenen Patienten. Häufig kommt es zu einer tieferliegenden Depression, die sich – anders als bei Frauen – nicht zwangsläufig durch Niedergeschlagenheit oder Traurigkeit und Antriebslosigkeit äußert. Männer reagieren hingegen in diesen Situationen meist aggressiv.

Die Diagnose Krebs ändert schlagartig den gewohnten Alltag der Patienten. Sie sind nicht mehr selbstbestimmt, sondern bekommen Termine von außen vorgegeben. Hinzu kommt eine reduzierte Leistungsfähigkeit, als direkte Folge der Tumortherapie, sodass sich die Männer in ihrer körperlichen Unversehrtheit bedroht sehen. Soziale und persönliche Verlustängste treten auf. Die Therapie und damit die eigenen Lebenspläne werden unvorhersehbar, die akute Bedrohung des eigenen Lebens rückt in das Bewusstsein.

Als Folge davon nimmt die psychosoziale Belastung der Patienten immer weiter zu. Die wahrgenommene Lebensqualität nimmt ab, materielle Engpässe entstehen, weil die mangelnde Kraft das Arbeiten unmöglich macht, woraus letztlich psychische Symptome erwachsen, wie beispielsweise Ängste, Depressionen und Anpassungsstörungen.

Urogenitale Neoplasien wiederum sind häufig Ursache für eine erhöhte Morbidität und Mortalität. Besonders hoch ist das Risiko beim Prostatakarzinom. Hier kommt zur eigentlichen Tumorerkrankung noch eine palliative Therapie hinzu, der Androgenentzug (androgene Deprivationstherapie, ADT). Auch die ADT steht im Zusammenhang mit einem erhöhten Risiko für Depressionen – in bis zu 23 % der Fälle geht sie mit Depressionen einher.

Cave: Nicht immer sind nur ältere Patienten mit relativ häufigen Tumorentitäten von einem erhöhten Suizidrisiko betroffen. Denken Sie vor allem auch an den sehr viel selteneren Hodentumor. Studien zeigten hier, dass bis zu 20 % der jungen Männer noch drei Jahre nach Diagnose und kurativer Therapie eines Hodenkarzinoms suizidal sein können. Die Nachsorge und Betreuung dieser Patienten über die eigentliche Therapie hinaus ist daher sehr wichtig.

Was lief schief beim suizidalen Patienten?

Eine normale Krankheitsbewältigung bei Tumorpatienten verläuft klassisch in verschiedenen, teils recht emotionalen Phasen. Dabei gilt, dass Trauer, Wut und auch Angst zu jeder Zeit erlaubt sein sollen. In der Regel beginnt es mit einer Verleugnungsphase, die Krebserkrankung wird ausgeblendet und negiert. Im Anschluss daran durchläuft der Patient die Phase der Aufdrängung und beginnt langsam mit der Verarbeitung. Am Ende akzeptieren die meisten Patienten den Krebs und führen ihr Leben fort, ohne ständig daran denken zu müssen.

Bei einigen Patienten jedoch ist diese schrittweise Krankheitsverarbeitung gestört. Abwehr und Vermeidung werden nicht durchbrochen und es kommt zu einer pathologischen Ablehnung (Leugnung) der Erkrankung. Eine Akzeptanz ist von Seiten des Patienten somit nicht möglich, was das Risiko für psycho-soziale Folgen steigert, Depressionen schürt und schließlich in dem Wunsch zu sterben gipfelt.

Woran erkennen Ärzte eine möglicherweise gelingende Krankheitsverarbeitung?

Männer, welche mit einer höheren Resilienz ausgestattet sind, werden Energien aufbringen und sich informieren, organisieren, aktiv sein und sich ein Stück ihrer Selbstständigkeit zu bewahren wissen – diese Männer werden buchstäblich zu ihrem eigenen Experten.

Männer mit dieser Art der positiven Krankheitsverarbeitung gewinnen an Selbstverantwortung, Selbstwert, Selbstvertrauen und Selbstkompetenz. Allerdings gibt es keinen Königsweg der Krankheitsbewältigung, der für alle Patienten gangbar ist. Stattdessen handelt es sich um einen individuellen Weg in der Auseinandersetzung mit der Krebserkrankung, auf dem Ärzte ihre Patienten ein Stück weit begleiten sollen.

Quelle:
AF15 "Psychosomatische Urologie und Sexualmedizin", Suizide in der Uroonkologie (DL Dräger), DGU-Kongress, 26.09.2018, Dresden.

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