Die zwanghafte Suche nach Glück kann krank machen

Dem aktuellen Weltglücksbericht der Vereinten Nationen zufolge (World Happiness Report) leben in Dänemark die glücklichsten Menschen der Welt. Die unglücklichsten leben im afrikanischen Burundi und in Syrien.

Hinter Dänemark folgen die Schweiz, Island, Norwegen, Finnland, Kanada, die Niederlande, Neuseeland, Australien und Schweden. Deutschland liegt an 16ter Stelle. Passend zur Veröffentlichung des Reports feiert die Welt am 20. März den Internationalen Tag des Glücks – ein offizieller Aktionstag der Vereinten Nationen seit 2012. Im Interview erklärt Privat-Dozent Dr. Mazda Adli, Chefarzt der Fliedner Klinik Berlin und Stressforscher an der Berliner Charité, warum Glück so wichtig ist.

Wie wichtig ist Glück für eine Nation?

Privat-Dozent Dr. Mazda Adli
Chefarzt der Fliedner Klinik Berlin

Adli: Die Förderung von Wirtschafts- oder Umweltbedingungen, die die Zufriedenheit und auch das Glück jedes Menschen verbessern, ist für die Bevölkerung gesundheitsrelevant. Deswegen ist es ungemein wichtig, dass wir Psychiater und Psychotherapeuten eine breite, öffentliche Diskussion darüber antreiben. Zum Beispiel untersuchen wir mit einer Gruppe von Stadtplanern und Architekten, wie die gebaute und die soziale Umwelt unsere Emotionen und natürlich auch unser Glücksgefühl beeinflussen. Wir nennen dieses neue Forschungsfeld “Neuro-Urbanistik”.

Dauerhaft unglücklich zu sein, kann zu psychischen Erkrankungen führen. Heißt das auch: “Glücklichsein“ schützt vor psychischen Problemen?

Adli: Es kommt darauf an, wie hoch wir die Hürde für das Empfinden von Glück setzen, ob wir Glück schon bei “Kleinigkeiten” empfinden, zum Beispiel wenn uns jemand im Bus anlächelt. Glück hängt viel mehr von uns selbst ab als wir vermuten. Die Menschen, die sich als glücklich bezeichnen, sind fast immer diejenigen, die akzeptieren, dass auch unangenehme Erfahrungen zum Leben gehören und dass das Leben niemals perfekt und sorgenfrei verläuft. Entscheidend für unser Glücksgefühl ist es, zu wissen, was die eigenen Ziele und Werte im Leben sind. Wer im Einklang mit seinen persönlichen Werten lebt und dabei Defizite akzeptieren kann, ist besser gerüstet gegen psychische Störungen. Dies gilt insbesondere für Stressfolgeerkrankungen.

Das heißt also, das Streben nach Glück kann unglücklich machen?

Adli: In der Tat. Wer sich zu sehr unter Druck setzt, in allen Bereichen optimal oder gar perfekt zu sein, wird meist nicht glücklich. Im Gegenteil, das Risiko für eine Depression ist dann sogar größer.

Wie können Psychotherapeuten und Psychiater helfen, damit Menschen sich glücklicher fühlen?

Adli: Das Wichtigste ist, zu verstehen, dass man Glück gut in einem unvollkommenen Alltag fühlen kann. Manche leiden regelrecht an inneren Glückshemmern wie Perfektionismus oder mangelnder Akzeptanz. Solche Glückshemmer können langsam verändert werden, wie in einem Training. Eine gute Akzeptanzstrategie hilft auch, mit Konflikten und Sorgen im Alltag besser klar zu kommen.

Ist Glück denn eigentlich ein so erstrebenswerter Zustand?

Adli: Wenn ich dem Glück hinterherrenne und es am Ende nur zu Stress führt, dann nicht. Es gibt aus der Akzeptanz- und Commitment-Therapie, die wir mit Erfolg zum Beispiel in der Depressionsbehandlung einsetzen, ein interessantes Zitat: “Es geht nicht darum, sich besser zu fühlen, sondern besser zu fühlen!” Kein Mensch ist ununterbrochen glücklich. Im Einklang mit seinen inneren Überzeugungen, seinen Bedürfnissen und Emotionen zu stehen und die Umwelt in diesem Sinn zu beeinflussen, das macht nach unseren Erfahrungen in der Therapie zumindest zufrieden.

Priv.-Doz. Dr. Mazda Adli im Videointerview zum Thema Extremismus.

Text: Theodor Fliedner Stiftung / vt

Foto: Privat und YanLev / Shutterstock

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