Verhütung oder Abtreibung? Warum die „Pille danach“ endlich rezeptfrei erhältlich sein sollte

Rund 400.000 Mal pro Jahr verschreiben Ärzte die Tabletten in Deutschland. Doch während in anderen Ländern die „Pille danach“ längst frei in Apotheken erhältlich ist, herrscht in Deutschland immer

Rund 400.000 Mal pro Jahr verschreiben Ärzte die Tabletten in Deutschland. Doch während in anderen Ländern die „Pille danach“ längst frei in Apotheken erhältlich ist, herrscht in Deutschland immer noch Rezeptpflicht.

Vergessene oder unsachgemäße Verhütung, die Mär vom gerissenen Kondom oder unfreiwilliger Geschlechtsverkehr – es gibt viele Gründe, warum Frauen zur „Pille danach“ greifen. Fakt ist, dass der Einnahme fast ausnahmslos eine persönliche Lage vorausgeht, die einer schnellen und trotzdem wohlüberlegten Entscheidung bedarf. Schließlich geht es um eine mögliche Schwangerschaft. Während weltweit in fast 80 Ländern inklusive England, Frankreich oder der Schweiz die „Pille danach“ frei verkäuflich in Apotheken ist, benötigen Frauen in Deutschland immer noch ein Rezept vom Arzt.

Nach Angaben des Berufsverbands der Frauenärzte (BVF), der sich selbst nicht ganz uneigennützig vehement für eine Rezeptpflicht ausspricht, wird die „Pille danach“ jährlich rund 400.000 Mal in Deutschland verschrieben. Der Anteil der unter 20-jährigen beträgt circa 29 Prozent. Galt über viele Jahre, dass die „Pille danach“ aufgrund ihrer starken Nebenwirkungen nur die Ultima Ratio für den absoluten Notfall darstellte, sind die Mittel heute besser verträglich, was nicht heißt, dass sie ganz ohne Nebenwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen oder Unterleibschmerzen auskommen. Die beiden zugelassenen Wirkstoffe Levonorgestrel (LNG) und Ulipristalacetat (UPA) können heute effizienter dosiert werden. Der Berufsverband der Frauenärzte präferiert UPA aufgrund der höheren Wirksamkeit und längeren Einnahmemöglichkeit von bis zu fünf Tagen nach dem Geschlechtsverkehr.

Einnahme in den ersten 24 Stunden

Nach wie vor sollten entsprechende Präparate zeitnah nach dem Geschlechtsverkehr eingenommen werden – die beste Wirkung ist bei Einnahme innerhalb von 24 Stunden zu erwarten. Anders als häufig kolportiert ist die „Pille danach“ kein Abtreibungsmittel. Sie verhindert, dass es überhaupt einen Eisprung gibt – ähnlich wie die klassische Antibaby-Pille. Die Medikamente greifen nicht in das Wachstum einer befruchteten Eizelle und somit in die Entwicklung eines bereits gezeugten Menschen ein.

Natürlich gibt es Argumente für die Rezeptpflicht. Auch ohne gynäkologische Untersuchung kann ein ärztliches Gespräch Missverständnisse und Irrtümer ausräumen. Das Gespräch gibt dem Arzt die Möglichkeit, die Notwendigkeit der Einnahme abzuklären und auf Nebenwirkungen hinzuweisen. Bei UPA muss allerdings eine bestehende Schwangerschaft ausgeschlossen werden. Diese medizinische Kompetenz fehlt den Apothekern, die zudem gerade im Not- oder Nachtdienst ihre Kunden kaum beraten können. Allerdings könnten sie problemlos das LNG-Präparat aushändigen.

Auf der anderen Seite geht der Entscheidung für die „Pille danach“ meist eine rationale Entscheidung voraus. Will und kann die Frau in der jetzigen Lebensphase die Verantwortung für ein Kind übernehmen? Insofern sollte man Frauen ausreichend Verantwortungsbewusstsein zugestehen, dass sie eine für sich persönlich richtige Entscheidung treffen – auch ohne Arzt. Niemand nimmt die „Pille danach“ aus Spaß.

Der zwangsweise Arztbesuch stellt für Frauen ein Hindernis dar, sich die „Pille danach“ innerhalb von 24 Stunden zu besorgen. Aus Schamgefühl und Angst suchen insbesondere Teenager den Arzt lieber nicht auf und hoffen, dass alles gut geht und eine Schwangerschaft nicht eintritt. Zu diesem Ergebnis kommt auch die Weltgesundheitsorganisation WHO, die in der Rezeptpflicht eine hohe Hürde sieht, zur „Pille danach“ zu greifen, mit der Folge, dass zahlreiche ungewollte Schwangerschaften eintreten.

Es ist ratsam, sich endlich von dem Falschargument zu verabschieden, dass die „Pille danach“ eine Abtreibung darstellt. Medizinisch und körperlich betrachtet ist sie es nicht. Es handelt sich um Verhütung. Nicht zuletzt aufgrund derartiger irreführender Informationen ist eine umfassende sexuelle Aufklärung bereits im jugendlichen Alter empfehlenswert, sei es durch Eltern, Experten oder in der Schule. Diese kann eine sinnvolle Entscheidungshilfe sein – gerade bei den überproportional häufig zur „Pille danach“ greifenden 16-19-Jährigen.

An Schulen in Frankreich wird die „Pille danach“ im übrigen längst ohne Hürden ausgegeben. Sogar in den USA mit sehr strengen Arzneimittelzulassungsregeln ist sie rezeptfrei. Das sollte auch in Deutschland möglich sein. Die Verantwortung liegt nach einer Bundesratsinitiative jetzt bei der Bundesregierung.

Über Dr. Bodo Müller

Dr. Bodo Müller ist Chefarzt für Gynäkologie und Geburtshilfe im Vivantes-Klinikum Berlin Hellersdorf. Gleichzeitig ist er Gründer von esanum.


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