Viele Beinamputationen bei Diabetes unnötig

Diabetes wird mittlerweile als Volkskrankheit gehandelt, zwischen sechs und sieben Millionen Diabetiker leben in Deutschland. Auf der Jahrespresskonferenz der Deutschen Diabetes Gesellschaft  (DDG)

Diabetes wird mittlerweile als Volkskrankheit gehandelt, zwischen sechs und sieben Millionen Diabetiker leben in Deutschland.

Auf der Jahrespresskonferenz der Deutschen Diabetes Gesellschaft  (DDG) haben Referenten und Journalisten über Missstände in der Politik, Gesellschaft und im Gesundheitswesen diskutiert. Kritikpunkte richten sich vor allem gegen die hohe Anzahl von Beinamputationen. Darüber hinaus wurden Forschungsergebnisse vorgestellt, die suggerieren, dass Diabetes auch erblich bedingt ist.

Obwohl Deutschland einen hohen medizinischen Fortschritt zu verbuchen hat, gibt es fünf neue Diabetes-Medikamente, über die wir im Vergleich zu anderen Ländern nicht verfügen.

Wodurch wird die Entwicklung von Diabetes-Medikamenten behindert?

Das Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG) begünstigt Therapien im Bereich der Onkologie und Immunologie. Da zweckmäßige Vergleichstherapien (ZVT) hier meist nicht generisch gehalten werden, dürfen etwaige Medikamente einen höheren Preisanspruch erheben. Daher rührt der Anreiz, innovative Behandlungsmöglichkeiten zu entwickeln. Im Kontrast dazu stehen chronische Erkrankungen wie Diabetes – die Entwicklung von Medikamenten ist hier weniger lukrativ, da die Behandlungsmöglichkeiten generisch sind und auf ZVT zurückgegriffen wird, deren Effizienz sich erst Jahre später erweist.

Professor Dr. med. Baptist Gallwitz, Präsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft, ließ auf der Pressekonferenz verlauten, dass viele Diabetes-Medikamente mit einem Alter von 50 oder 60 Jahren als veraltet einzustufen sind.

Darüber hinaus wird potenziell innovativen Medikamenten die Zulassung verwehrt, weil die formale Vorgehensweise im Testverfahren nicht den geforderten Standards entspricht.

Zweitmeinung vor Fußamputation

Erste Anzeichen eines diabetologischen Fußsyndroms belaufen sich auf Taubheitsgefühle, Kribbeln, Brennen und Stechen in der Zeh-Region. Das diabetologische Fußsyndrom stellt eine der häufigsten Folgen einer Diabetes-Erkrankung dar. Jedes Jahr erkranken in Deutschland etwa 250.000 Menschen an diesem Syndrom. Etwa 50.000 Fußamputationen werden infolge einer Diabeteserkrankung vorgenommen, alle 15 Minuten verliert ein Mensch eine Extremität.

Viele dieser Amputationen hätten sicherlich verhindert werden können, deutet Professor Dr. med. Ralf Lobmann (Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Diabetischer Fuß in der DDG) an: “Während die Rate von Majoramputationen, also Abtrennungen des Fußes oberhalb des Knöchels, in spezialisierten Zentren bei 3,1 Prozent liegt, beläuft sich die Quote in der Allgemeinversorgung auf zehn bis zwanzig Prozent.” Bei einer Amputation, die unterhalb des Knöchels (Minoramputation) erfolgt, überleben 80 Prozent der Patienten fünf Jahre, nach einer Majoramputation überlebt dagegen nur ein Viertel der Patientenschaft. Lobmann plädiert für eine qualifizierte Zweitmeinung vor einer Amputation. In Holland existiert bereits ein ähnliches System, dort werden Diabetespatienten mit schlecht abheilenden Wunden in spezialisierte Zentren verlegt.

Professor Dr. med. Baptist Gallwitz ist sich sicher, dass die hohe Amputationsrate auf finanzielle Fehlanreize zurückzuführen ist. Wenn die Extremitäten der Patienten erhalten bleiben, sei dies ein langwieriger Prozess, der mit einem Krankenhausaufenthalt von bis zu 40 Tagen verbunden ist. “Dieser Aufwand bildet sich in der Vergütung bisher nicht ab”, kritisiert Gallwitz. “Wir schlagen daher einen Bonus für die Rettung des Fußes vor.”

Ist Diabetes genetisch veranlagt?

Professor Dr. Annette Schürrmann ist im Fachbereich Biolgie tätig, sie hat sich im Rahmen einer Studie mit potenziellen Erbanlagen für Diabetes beschäftigt. Schürrmann hat in Mausmodellen Gene entdeckt, die zu einer gesteigerten Nahrungsaufnahme, einem verminderten Energiestoffwechsel und einer veränderten Fettzellfunktion führen und somit zu einer Gewichtszunahme beitragen. In Kooperation mit dem Deutschen Zentrum für Diabetesforschung konnte gezeigt werde, dass 20 von 106 humanen Diabetesgenen für die Funktion der Lagerhans-Inseln in der Bauchspeicheldrüse relevant sind. Unter Lagerhans-Inseln versteht man Zellansammlungen in der Bauchspeicheldrüse, die den Inulin- und Blutzuckerhaushalt regulieren.

Schürrmann führt die steigende Anzahl der Diabetiker auf das immer präsenter werdende Übergewicht zurück. Als Kernursache könnte das Überangebot an Nahrungsmitteln fungieren. Auf der Pressekonferenz plädierte sie für das Intervall-Fasten als Präventions- und Behandlungsmaßnahme. Sie befürwortete die 5:2-Diät, nach der man fünf Tage in der Woche ohne Kalorienzählen essen darf – an den restlichen zwei Tagen in der Woche ist die Kalorienzufuhr allerdings auf jeweils 650 Kalorien zu beschränken.

Professor Dr. Edgar Franke (Vorsitz des Ausschusses für Gesundheit des Deutschen Bundestages) rundete die Pressekonferenz mit einem Appell an die Bildungspolitik ab. Die Menschen müssten über eine gesunde Lebensweise aufgeklärt werden, dabei stehen Ernährung und körperliche Betätigung im Vordergrund. Dass Krankenkassen Yoga- und Fitnesskurse anbieten, sei lobenswert, jedoch wurde dieses Angebot primär von den Personen beansprucht, die ohnehin über eine gute Verfassung verfügen. Gefährdete sollten hier bezüglich Präventions- und Behandlungsmaßnahmen gezielt angesprochen werden.

Aktuelle Expertenbeiträge zu diesem Thema lesen Sie jede Woche neu im esanum Diabetes Blog.

Text und Foto: Daniela Feinhals

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