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Weniger Zucker ist möglich – auch in Deutschland?

Werbedruck auf Kinder und mangelnde Gesundheitskompetenz der Eltern als Hauptprobleme

Beim 1. Deutschen Zuckerreduktionsgipfel wurde die Politik mit klaren Botschaften zum Handeln aufgefordert: Der Gehalt an Zucker, Salz und Fett in Nahrungsprodukten muss reduziert und eine effektive Besteuerung ungesunder Lebensmittel eingeführt werden. 

Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) hat kürzlich einen Entwurf für eine "Nationale Strategie für die Reduktion von Zucker, Fetten und Salz in Fertigprodukten" vorgelegt. Ist damit alles gut? Mitnichten, findet der Vorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Martin Litsch. "Es ist zwar erfreulich, dass unser Ernährungsminister mit einer nationalen Strategie nun endlich ungesunden Lebensmitteln den Kampf ansagen will. Aber kurz vor Ende der Legislatur kommt diese Ansage reichlich spät und bleibt in wesentlichen Teilen unverbindlich", so Litsch. Mit Blick auf die Wirkungslosigkeit von Ansätzen der industriellen Selbstverpflichtung hält er es für "fahrlässig, diese Erfahrungen in der nationalen Strategie zu ignorieren und wieder nur auf Vertrauen zu setzen."

Vertrauen in Industrie und Politik keine ausreichende Basis

Offenbar ist nicht nur das Vertrauen in die Industrie, sondern auch dasjenige in die Politik keine verlässliche Basis für den dringend erforderlichen Wandel. Wohl aus diesem Grund hat der AOK-Bundesverband den 1. Deutschen Zuckerreduktionsgipfel initiiert, der vor wenigen Tagen in Berlin stattfand. Vertreter aus Politik, Industrie, Wissenschaft und Gesundheitsbranche tauschten sich über Lösungswege aus, den Anteil von Zucker, aber auch von Salz und Fett in Lebensmitteln zu verringern.

Eine kleine Testfrage dazu: Wie viel Zucker enthält ein handelsüblicher 250-Gramm-Fruchtjoghurt? In einer aktuellen Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Kooperation mit der Universität Mannheim unterschätzten über 90 Prozent der Eltern die Zuckermenge. Statt der durchschnittlich vermuteten 4 Zuckerwürfel sind es tatsächlich etwa 11.

Fehleinschätzung der Eltern führt zu Übergewicht bei Kindern

Dass eine solche Fehleinschätzung der Eltern ein potenzieller Risikofaktor für die Entstehung von Übergewicht bei ihren Kindern ist, wurde in derselben Studie mit einer statistisch signifikanten Assoziation bestätigt: Je stärker die Eltern den Zuckergehalt in Lebensmitteln unterschätzten, desto höher war der gemessene Body-Mass-Index (BMI) beim Nachwuchs. In der Gruppe der Fehleinschätzer waren 50 Prozent der Kinder übergewichtig und damit doppelt so viele wie in der Gesamtstichprobe der 305 Eltern-Kind-Paare.

Die WHO-Empfehlung zur täglichen Zuckeraufnahme liegt übrigens bei einer Äquivalenzmenge von 16 Zuckerwürfeln, der tatsächliche Verzehr wird auf 28 Zuckerwürfel geschätzt, also fast die doppelte Menge. Neben mangelnder Gesundheitskompetenz (Health Literacy) erschwert das allgegenwärtige Überangebot an billigem, aber ernährungsphysiologisch eher ungünstigem (Fast) Food eine gelingende Verhaltensprävention. Hinzu kommt der massive Werbedruck, dem gerade auch Kinder ausgesetzt sind. 

Massives Kindermarketing trotz Selbstverpflichtung zum Verzicht

PD Dr. Tobias Effertz von der Universität Hamburg präsentierte Ergebnisse einer von der AOK in Auftrag gegebenen Studie, die die Internetpräsenzen der wichtigsten Lebensmittel in Deutschland untersuchte. Auf 182 von 301 Webseiten (61 Prozent) wurde klassisches Kindermarketing gefunden – unter Berücksichtigung von Marketingmaßnahmen im weiteren Sinn wie Aktionen, Gewinnspiele und Advercation (Advertising + Education; ohne Rezepte) waren es sogar 83 Prozent. Die jährlichen Werbe-Impressions pro Kind liegen im höheren vierstelligen Bereich.

Für ungesunde "Non core"-Lebensmittel wird dabei häufiger geworben als für gesunde "Core"-Lebensmittel.  Auch im Fernsehen ist der Werbedruck auf die Kleinen enorm, mit steigender Tendenz. Auf den von ihnen besonders präferierten Sendern werden sie in einem Jahr mit bis zu 19.000 Werbespots konfrontiert. Positive Effekte der freiwilligen Selbstverpflichtung von Unternehmen zum Verzicht auf Kindermarketing im Rahmen des sogenannten EU-Pledge waren dabei nicht auszumachen. Im Gegenteil: Produkte von EU-Pledge-Mitgliedern wurden sogar häufiger mit Maßnahmen des Kindermarketings beworben.

Konsum auf Kosten der Gesundheit

Prof. Ilona Kickbusch, Direktorin des Global Health Centre in Genf, sprach von "industriellen Epidemien", in denen Produkte, Lebenswelten und Marketing als kommerzielle Determinanten den Konsum auf Kosten der Gesundheit fördern. Die Expertin verwies auf positive Erfahrungen mit Verbrauchssteuern in anderen Ländern wie etwa Dänemark, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Irland, Ungarn und auch US-amerikanischen Bundesstaaten und Städten. Wichtig ist dabei politische Kohärenz, also die Zusammenarbeit zwischen Ministerien und gesellschaftlichen Kräften wie z. B. Konsumenten- und Nichtregierungsorganisationen (NGOs).

Als völlig unverständlich wurde in der Diskussion die mangelnde Kommunikation zwischen dem Bundesministerien für Ernährung und demjenigen für Gesundheit bezeichnet. Die Zuständigkeit für dieses Thema sollte zudem besser im Gesundheits- statt im Ernährungsministerium liegen, das zugleich die Interessen der Agrar- und Lebensmittelindustrie bedienen muss.

Forderung für Süßgetränke: 10-20 Prozent weniger Zucker, mindestens 20 Prozent Steueraufschlag

Als Ziel einer Besteuerung von Süßgetränken fordert Kickbusch eine Reduktion des Zuckergehalts 10-20 Prozent und einen Steueraufschlag von mindestens 20 Prozent, um die Effektivität der Maßnahme zu gewährleisten.

Der britische Arzt und Gesundheitsaktivist Prof. Graham MacGregor listete verschiedene Ansätze, die seitens Politik und Lebensmittelindustrie in Frage kommen, auf:

Der Vorsitzende der britischen Action on Sugar empfiehlt statt einer drastischen Reformulierung ein Vorgehen in inkrementellen Schritten über einen längeren Zeitraum. Der Vorteil: Es kommt zu einer unbemerkten Geschmacksumgewöhnung bei den Verbrauchern, die ihnen keine aktive Änderung der Ernährungsgewohnheiten abverlangt und damit auch nicht zu Widerstand oder Ausweichstrategien führt. Zudem sind die erforderlichen Kosten sehr gering.

Verbindliche Regelungen für alle wirken schon im Voraus

MacGregor berichtete von positiven Vorerfahrungen mit dieser Strategie beim Umgang mit Salz und den statistisch nachgewiesenen Zusammenhängen zwischen Salzkonsum, Blutdruck und kardiovaskulärer Mortalität in England. Demnach konnten durch eine kontinuierliche Salzreduktion im Zeitraum 2003-2011 etwa 18.000 Schlaganfälle bzw. Herzinfarkte pro Jahr vermieden werden, von denen die Hälfte tödlich verlaufen wären.

Die Action on Sugar hat eine Reduktion der Kalorienaufnahme pro Person und Tag um über 250 kcal gefordert, und zwar

Nach Überzeugung von MacGregor sollte das die Entwicklung von Adipositas und Typ-2-Diabetes verhindern helfen. Dem Experten zufolge wünschen sich die großen Unternehmen verbindliche Regelungen, die für alle gelten. Eine für 2018 angekündigte Zuckersteuer auf Softdrinks hat schon jetzt für einen geringeren Zuckergehalt in den Getränken gesorgt.

Weitere Informationen und Fachdiskussionen zu Diabetes und Ernährungsfragen finden Sie im esanum Diabetes-Blog.

Referenz:
1. Deutscher Zuckerreduktionsgipfel. Eine Initiative des AOK-Bundesverbandes. Berlin, 28. Juni 2017.