Wenn Abstandhalten nicht möglich ist: Wo soziale Distanz an ihre Grenzen stößt

“Im Moment ist nur Abstand Ausdruck von Fürsorge.” Der Satz der Kanzlerin stellt den Begriff der Fürsorge in einen Kontext, in dem Geben plötzlich etwas mit Unterlassen zu tun hat. Und mit Verzicht.

Ärzteschaft und Pflegepersonal sind die Ausnahme von der Regel 

“Im Moment ist nur Abstand Ausdruck von Fürsorge” - das war eine der Kernaussagen in der Ansprache an die Bevölkerung von Bundeskanzlerin Angela Merkel am 18. März. Was für eine kluge Rhetorik, dachte ich, als ich das hörte, denn der Satz stellt den Begriff der Fürsorge in einen Kontext, in dem Geben plötzlich etwas mit Unterlassen zu tun hat. Und mit Verzicht: Wenn mir an deiner Gesundheit liegt, halte ich mich von dir fern. Weil ich dich nicht gefährden will, verzichte ich auf die Nähe zu dir. Merkel hat da mal eben eine präzise ethische Forderung formuliert und das Verhältnis von Nähe und Distanz auf den Kopf gestellt. 

Knapp zwei Wochen später, haben es fast alle verstanden - Abstand ist gut. Allerdings werden aber jetzt schon Stimmen laut, die die Aufhebung des Kontaktverbots fordern, zu einem Zeitpunkt, wo sich entgegen besseren Wissens noch immer Menschen in Parks versammeln oder zu Hause der Quarantäne gemeinsam mit Freunden entkommen. Wohnungen werden ja schließlich nicht kontrolliert, und auf dem Weg wird der Besuch ja wohl nicht aufgehalten. 

Doppelte Verpflichtung

Und dann gibt es noch die, für die soziale Distanz nicht so ohne weiteres durchsetzbar ist und auch mit den jeweiligen Notwendigkeiten kollidiert: Medizinisches Personal muss seine Fürsorge nach wie vor in ganz direktem persönlichen Kontakt mit Menschen zum Ausdruck bringen. Pflegepersonal, kümmert sich um diejenigen, die alleine nicht mehr zurecht kommen. Da entsteht dann eine Art doppelter Verpflichtung - nämlich einerseits ganz physisch im Beruf präsent zu sein und dann privat auf Abstand zu gehen. 

Ich möchte wissen, wie das ist. Deshalb verabrede ich mich mit Valentina zum Video Call. Ich kenne Sie schon aus Vor-Corona-Zeiten. Sie ist Assistenzärztin in Berlin und kommt aus Italien. 

Auf meine Frage erzählt sie mir, dass sie bislang noch keinen direkten Kontakt mit Corona-Erkrankten hatte, sie aber dennoch vorsichtiger sein müsse als andere. Das medizinische Personal sei sich über die Gefahr im Klaren und versuche, Familie und Freunde zu schützen. Aus Italien, wo auch ihre Familie lebt, weiß sie zu berichten, dass Ärztinnen und Ärzte oder Pflegepersonal teilweise versuchen, das Zusammenleben unter einem Dach zu unterbrechen, indem sie Kinder bei den Großeltern unterbringen und selbst auf Besuche verzichten. Ich kann mir vorstellen, dass eine solche Trennung die Belastung, die der Beruf mit sich bringt, in diesen Zeiten noch erhöht.

Abwägen zwischen dem, was möglich und dem, was zu verantworten ist

Valentina hat keine Familie in Deutschland, aber sie rechnet damit, dass sie ihre Freunde in der nächsten Zeit erst einmal nicht wird sehen können, um sie nicht unnötig in Gefahr zu bringen. Psychisch sei es eine extreme Belastung, plötzlich jeden persönlichen Kontakt unterbinden zu müssen. Man müsse schon gut abwägen zwischen dem, was theoretisch noch erlaubt und dem, was dann auch tatsächlich zu verantworten sei. 

Und natürlich hat sie auch Angst, sich selbst anzustecken. Die Lockerung der Quarantäne-Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts, nach denen medizinisches Personal nun auch “nach engem, ungeschütztem Kontakt mit COVID-19-Erkrankten nicht mehr so lange in Quarantäne” muss, beziehungsweise sogar weiter arbeiten darf, solange keine Symptome auftreten, sieht sie kritisch. Natürlich, wenn es einem sehr gut gehe und man keinerlei Symptome habe, sei das vielleicht möglich. Aber sobald man sich nicht ganz wohl fühle, solle man sich dann auch krank melden. 

Pflegepersonal an den Grenzen des Möglichen

Ich stelle mir vor, wie das in Italien wohl sein mag, wo medizinisches Personal an den absoluten Grenzen der Belastbarkeit arbeitet, täglich mit Infizierten in Berührung kommt und selbst erkrankt. Valentina sagt, unter den Corona-Opfern seien auch schon viele Ärztinnen und Ärzte. Überarbeitung sei sicher auch ein Faktor, der einen schweren Krankheitsverlauf begünstigen würde.

So richtig geht das alles nicht zusammen: auf der einen Seite der unvermeidbare Kontakt und auf der anderen Seite der Versuch, Abstand zu halten. Viele COVID-19-Erkrankte sterben zur Zeit, ohne ihre Familie gesehen zu haben, nur mit dem Beistand von medizinischem Personal in Schutzanzügen. Laut Tagesschau-Bericht vom 26.März wurden in mehreren spanischen Seniorenheimen sogar alte Menschen ganz ohne Betreuung vorgefunden. Manche lagen tot in ihren Betten, manche waren verwahrlost. 

Wie kann man erwarten, dass Pflegepersonal weiterhin seine Arbeit verrichtet und unter schwierigsten Bedingungen anderen Personen noch die Fürsorge zuteil werden lässt, die ja jetzt eigentlich durch Distanz gekennzeichnet ist? Wie soll ein solch unauflösbarer Widerspruch ganz praktisch - und psychisch - gelebt werden? In Deutschland ist das bislang noch weniger spürbar, da die medizinischen Kapazitäten noch nicht ausgereizt sind, das Gesundheitssystem noch nicht an seine Grenzen gestoßen ist. Das heißt aber nicht, dass es nicht soweit kommen kann. Und dann sind Ärzteschaft und Pflegepersonal und die sogenannten Risikogruppen diejenigen, die am meisten darunter leiden, dass vielleicht nicht früh genug und nicht solidarisch genug auf das Statement von Angela Merkel und die zahlreichen Hinweise aus Wissenschaft, Klinik und Politik reagiert wurde.

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