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Der Vino und die Veritas

Mindert mäßiger Alkoholkonsum (bei Gesunden und bei Typ-2-Diabetikern) tatsächlich das koronare Herzrisiko, wie es frühere Observationsstudien beschrieben haben?

Ein ähnliches Hin und Her wie beim Adipositas-Paradoxon gibt es auch beim Wein – und das sogar mit ein und derselben Studie. Vielleicht kennen Sie sie, ihr Name lautet "The CArdiovasCulAr Diabetes & Ethanol (CASCADE) Trial" – kurz CASCADE. Beim Blick über den Blog-Tellerrand sind wir bei Prof. Helmut Schatz (Bochum) auf diesen aussagekräftigen Beitragstitel gestoßen: "Wein, egal ob rot oder weiß: kein Unterschied zu Wasser im Hinblick auf Verbesserung atherosklerotischer Plaques in den Halsschlagadern von Typ-2-Diabetes-Patienten".

CASCADE: Wie vertragen sich Diabetes und Ethanol kardiovaskulär?

Die randomisierte kontrollierte CASCADE-Studie konzipierten Wissenschaftler der Ben-Gurion University of the Negev im israelischen Beer Sheva. Kooperativ beteiligt waren Kollegen der Harvard University, des Karolinska Instituts und der Universität Leipzig.

Als Teilnehmer wurden 224 Typ-2-Diabetiker im Alter zwischen 45 und 75 Jahren rekrutiert, die bisher weitgehend alkoholabstinent geblieben waren. Es erfolgte eine Einteilung in drei Gruppen mit unterschiedlicher Trinkempfehlung zum Abendessen (jeweils 150 ml): 1. ein Glas Rotwein, 2. ein Glas Weißwein und 3. ein Glas Wasser zum Abendessen. Ansonsten erhielten die Teilnehmer eine Anleitung zur mediterranen Ernährungsweise, ohne Restriktionen hinsichtlich der Kalorienzufuhr.

Im zweijährigen Studienverlauf unterzogen sich die (jeweils noch anwesenden) Probanden umfangreichen medizinischen Tests. Dazu gehörten ein kontinuierliches Monitoring von Blutdruck, Herzrate, Blutzucker- und Lipidspiegeln, Leberwerten, Bauchumfang, Medikamentenbedarf sowie Schlaf- und genereller Lebensqualität ebenso wie Ultraschall- und MRI-Untersuchungen zur Nachverfolgung der Atherosklerose- und Fettentwicklung.

2015: Good News

Im Jahr 2015 hörte sich das ganz gut an: Wein als guter Begleiter der Diabetes-Therapie. Die englische Überschrift der Pressemitteilung der Ben-Gurion Universität (BGU) lautete damals in etwa: "Nach der längsten jemals durchgeführten Studie ist es nun offiziell: Ein Glas Rotwein zum Abendessen kann Wissenschaftlern der BGU zufolge die kardiovaskuläre Gesundheit von Menschen mit Typ-2-Diabetes verbessern."

Die Wissenschaftler selbst wiesen am Ende ihrer Erläuterungen sicherheitshalber darauf hin, dass die klinische Anwendung ihrer Ergebnisse mit Vorsicht zu genießen sei ("Yet, any clinical implication of the CASCADE findings should be taken with caution with careful medical follow-up.").

Verordneter Weinkonsum als Teil der Gesundheitsintervention (natürlich "not before driving") – Patienten-Herz, was willst du mehr?! Stolz wurde auf die "beispiellos" hohe Adärenz-Rate von 87 % nach 2 Jahren hingewiesen. Ein neuer Ansatz für all die Compliance-Probleme scheint sich da aufzutun. Gibt es auch dazu eine Studie? Wir müssten mal nachsehen …  

2016/2018: Nicht mehr ganz so Good News

Schön wär’s. Leider haben diverse Studienergebnisse etwas Wasser in diese euphorische Weinseligkeit gegossen. Sie wurden schon beim vorletzten Herz-Kreislauf-Kongress der European Society of Cardiology (ESC) in Rom präsentiert. "Niedriger bis moderater Alkoholkonsum hat offenbar doch keine herz- und gefäßschützende Funktion", hieß es dementsprechend in einer Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie von 2016. Neben der "Danish nurses’ cohort study"1 war dabei auch von der CASCADE-Studie die Rede, mit eben jenen Ergebnissen, die nun im Januar 2018 im European Journal of Clinical Nutrition online publiziert wurden2.

Und die lauten:

Gemessen wurden das Total Plaque Volume (TPV) und das Vessel Wall Volume (VWV), um das Ausmaß einer Atherosklerose-Progression in den Halsschlagadern beurteilen zu können.

Einen guten Grund zum Trinken und Forschen gibt’s immer

Also kein ganz schwarzes Ergebnis. Erstens war keine Progression der Atherosklerose festzustellen. Hier könnte sich eventuell die mediterrane Kost positiv ausgewirkt haben, zumal es ja offenbar sogar zu einer tendenziellen Abnahme des Plaque-Volumens kam. Zweitens fand sich ein schwaches Signal für eine positive Wein-Wirkung auf das Gesamt-Plaque-Volumen bei erhöhter Plaque-Ausgangslast. Es darf also weitergeforscht werden.

Referenzen:
1. Heberg J et al. Low to moderate alcohol consumption is not associated with a reduction in cardiovascular events – the Danish nurses' cohort study. Eur Heart J 2016;37:1339
2. Golan R et al. Effect of wine on carotid atherosclerosis in type 2 diabetes: a 2-year randomized controlled trial. Eur J Clin Nutr 2018. doi: 10.1038/s41430-018-0091-4