Was gibt's nach dem Influenza-Winter Neues in der Kinderarztpraxis? Kinderarzt Dr. Martin Karsten berichtet in seiner Kolumne von neuen Empfehlungen in der Pädiatrie und sagt: Es sieht insgesamt recht gut aus für die Kinderärzte.
Wir sind recht gut durch den Winter gekommen und freuen uns nun auf den Frühling. Aber der Reihe nach. In diesem Winter gab es eine extrem heftige Grippewelle. Das Besondere daran: Es war fast immer nur Influenza A – einmal die saisonale Grippe und die so genannte Schweinegrippe, wie man früher sagte. Es gab sechs Mutationen der saisonalen Grippe. Das Virus hat sich also verändert und wurde daher vom Impfstoff nicht hundertprozentig erfasst. Daher kam es zu vielen Impfdurchbrüchen. Doch bei den Geimpften gab es kaum schwere Fälle, welche auch nicht zu Hospitalisierungen führten. Es war also gut, dass viele geimpft waren. Man weiß eben nicht, wie der Verlauf ohne Impfung gewesen wäre. Wir hatten Kinder mit Grippe, die Fieberkrämpfe oder Myositis bekommen haben. Das waren häufige Komplikationen. Auch Mittelohrentzündungen, Lungenentzündungen gab es im Rahmen der Grippe. Wir waren also gut mit der Influenza beschäftigt. Und wir haben es geschafft – wie immer. Jetzt flaut die Influenza ab und die anderen Viren kommen wieder. Noroviren, Darminfekte, Corona.
Wir machen ja nun seit einem Jahr die Immunprophylaxe gegen RSV nach Geburt. Das wird von den Eltern sehr gut angenommen – in unserer Praxis entscheiden sich ca. 95 Prozent der Eltern dafür. Das hat eine sehr gute Wirkung. Diese passive Immunisierung hält sechs Monate an. Und wenn die Kinder im späteren Alter RSV bekommen, sind sie längst nicht mehr so gefährdet. Der alte Grund, warum Kinderstationen in Krankenhäusern früher oft überfüllt waren, fällt jetzt nahezu weg.
Es gibt zwei Wege der RSV-Prophylaxe. UK, Niederlande und zum Teil auch die USA impfen die werdenden Mütter im letzten Drittel der Schwangerschaft mit einer aktiven Impfung. Via Nabelschnur gelangen die so aufgebauten Antikörper zum Säugling. Aber wir hier in Deutschland haben uns für die passive Immunisierung der Kinder entschieden. Den Antikörper kennen wir seit 25 Jahren. Früher haben ihn nur frühgeborene, herzkranke und neurologisch erkrankte Kinder bekommen. Es war sehr teuer und musste einmal im Monat gemacht werden. Jetzt muss der passive Antikörper nur einmal für die gesamte Saison gegeben werden – und kostet 450 Euro. Das klingt vielleicht viel. Aber bislang haben die Antikörper noch 6000 Euro gekostet.
Der Vergleich zwischen Immunisierung der Mütter und der passiven Immunisierung der Kinder zeigt eine eindeutige Überlegenheit der passiven Antikörper, die wir verabreichen. Sicher, der Weg, den wir gehen, kostet etwa das Doppelte gegenüber der aktiven Mütterimpfung. Das ist natürlich ein nicht unwesentlicher Aspekt. Wir haben in Deutschland etwa 600.000 Kinder im Jahr. Da kommen natürlich enorme Kosten zusätzlich zusammen. Allerdings waren die Kosten für die RSV-Behandlungen früher sehr groß. Jedes Kind hatte eine RSV-Infektion – und man nimmt an, dass 10 Prozent in den ersten beiden Lebensjahren einmal hospitalisiert wurden. Das halte ich für hoch gegriffen. Aber die Zahl wird zugrunde gelegt, um zu errechnen, ob die Antikörper sich lohnen. So gerechnet ist der positive Aspekt auch finanziell darstellbar. Und wir haben auch gesehen, dass die Befürchtung, dass durch Antikörper die RSV-Infektion auf das zweite Lebensjahr verdrängt wird, nicht gerechtfertigt ist. Denn wir wissen: Je älter die Kinder bei einer RSV-Infektion sind, desto weniger Komplikationen gibt es. Sie müssen deswegen so gut wie nie ins Krankenhaus und müssen selten den Arzt aufsuchen.
Auch bei der Meningokokken-Impfung bin ich optimistisch gestimmt. Da gibt es jetzt ein klares Konzept. Diese schweren Hirnhautentzündungen fürchtet jeder Kinderarzt. Seit eineinhalb Jahren gibt es gegen die Meningokokken b eine Impfempfehlung. Aber es gibt die weiteren Typen: acwy. Bisher wurde nur gegen c geimpft. Man sieht jetzt, dass die Meningokokken c so gut wie nicht mehr auftreten. Jetzt geht man einen neuen Weg: Diese Impfung wird aus dem Impfplan im zweiten Lebensjahr herausgenommen und dafür impft man jetzt die 12 bis 14-jährigen. Denn es gibt in dieser Altersgruppe einen weiteren Peak der Infektionen. Zudem hat diese Kohorte die höchste Viruslast und 10 bis 12 Prozent dieser Kinder haben Meningokokken im Hals, ohne zu erkranken. Daher stecken sie vermehrt die Kleinen an. Also macht es Sinn, sie zum Schutz, auch der Kleinen, zu impfen. Die Empfehlung heißt nun: Bei den Babys eine Impfung weniger und dafür zusätzlich die Jugendlichen zwischen 12 und 14 Jahren mit der Meningokokken acwy zu impfen. Das wird aus meiner Sicht sehr segensreich sein.
Es gab zuletzt immerhin vier Meningokokken-Fälle in Berliner Kliniken. Das ist relativ viel zur gleichen Zeit. Und wenn man bedenkt, dass davon ein Kind stirbt und einem ein Bein abgenommen wird, weiß man um die Dramatik der Krankheit.
Empfohlen wird derzeit, doch wieder länger zu stillen. Wenn es geht: ein Jahr stillen, sechs Monate davon voll stillen. Das Thema Stilldauer ist ein Riesenthema in der Kinderarztpraxis. Ich sage den Eltern immer: Dazu gibt es keine Studien. Diese wären ethisch nicht vertretbar. Daher gibt es nur Erfahrungswerte. Und die länger stillenden Eltern sind meist ohnehin jene aus den besseren sozialen Verhältnissen mit den größeren Ressourcen, die auch sonst mehr auf die Gesundheit achten. Also ist meine Haltung, die Eltern aufzufordern, länger zu stillen als man noch vor fünf Jahren empfohlen hat.
Ganz neu ist auch bei diabetischen Kindern mit Typ 1: Je früher man die Erkrankung erkennt, desto besser ist das spätere Outcome. Oder andersherum: Wenn man erst im diabetischen Koma oder bei Ketoazidose diagnostiziert, ist das spätere Outcome deutlich schlechter. Eine große Studie zeigt: Wenn man zwei der verschiedenen Antikörper schon im Vorfeld entdeckt, kann man mit einem entsprechenden Antikörper verhindern, dass die Bauchspeicheldrüse kaputt geht. Damit kann man den Beginn des Diabetes verschieben. Das ist relevant für die spätere Prognose. Das heißt: Wenn also ein Angehöriger in einer Familie einen Typ 1 Diabetes hat, soll man die Kinder alle halbe Jahre auf Antikörper testen. Und wenn mehr als zwei gefunden werden, muss die Therapie starten. Diese ist zwar mit 20.000 bis 30.000 Euro sehr teuer. Aber sie ist so effektiv, dass sie übernommen werden muss.
Fazit: Es ist spannend, was es immer wieder Neues in der Kinderheilkunde gibt. Ich frage mich allerdings nach fast 40 Jahren im Beruf: Wie soll das alles noch bezahlt werden? Zugleich entscheiden sich immer weniger Menschen für ein Kind oder sogar dafür, mehrere Kinder zu bekommen – die Geburtenrate ist in Berlin um fast 25 Prozent zurückgegangen. Auch das macht uns Sorgen.
Wo sollte unser Gesundheitssystem Ihrer Meinung nach die Grenze ziehen – bei der Finanzierbarkeit neuer Therapien oder darf es diese Grenze bei Kindern grundsätzlich nicht geben? Teilen Sie Ihre Einschätzung und Erfahrungen gern in den Kommentaren.