Reha-Antrag: Denken Sie an die psychischen Krankheitsfolgen!

"Mehr als 90% der COPD-Patienten, die die Indikation zur Lungen-Reha hätten, bekommen sie nie", beklagt der Experte Dr. Konrad Schultz im CME-Webinar. Das müsste doch besser gehen …

"Mehr als 90% der COPD-Patienten, die die Indikation zur Lungen-Reha hätten, bekommen sie nie", beklagt der Experte Dr. Konrad Schultz im CME-Webinar. Das müsste doch besser gehen …

Der 10. Oktober ist der Welttag der seelischen Gesundheit. Die WHO hat als diesjähriges Motto auserkoren: "Young people and mental health in a changing world". Auf nationaler Ebene ruft das Aktionsbündnis Seelische Gesundheit seit 2010 deutschlandweit zur Woche der Seelischen Gesundheit auf, diesmal unter dem Slogan "Gestresste Gesellschaft – was tun?".

E-Zigarette: weniger schädlich, aber immer noch ein Suchtmittel

Nach dem termingerechten Einstieg in den heutigen Blogbeitrag zuerst noch ein kurzer Schwenk zum vorletzten Artikel, in dem es um die (Un-) Gefährlichkeit der E-Zigarette ging. Auf Wikipedia ist dazu zu lesen: "Das britische Gesundheitsministerium schätzt, dass E-Zigaretten-Konsum ca. 95 % weniger schädlich als Tabakrauchen ist. Das Vereinigte Königreich nimmt als einziger EU-Mitgliedsstaat eine positive Stellung zum Konsum von elektrischen Zigaretten ein, was aber auch Gründe in der Struktur des britischen Gesundheitssystems hat."

Tja, die Briten ticken manchmal eben etwas anders als der Rest der Welt. Ob sie damit daneben liegen, ist eine andere Frage. Das Thema ist jedenfalls virulent: "WHO gegen Nikotindampfer und Tabakerhitzer" ist aktuell im esanum-Newsticker zu lesen. Ein kommentierender Kollege weist darauf hin, dass es bei der Raucherentwöhnung auch darum geht, "das Ritual zu unterbrechen". Völlig richtig.

Die Aufgabe von Gewohnheiten und Ritualen gehört, wie wir aus eigener Erfahrung wissen, zu den schwierigsten Herausforderungen des täglichen Lebens. Erst recht, wenn sich im Ritual ein Suchtverhalten manifestiert. Das Suchtverhalten ist seinerseits Ausdruck einer seelischen Belastung. Dass Lunge und Psyche viel miteinander zu tun haben, ist eigentlich klar, wird aber in der pneumologischen Praxis möglicherweise noch zu selten thematisiert.

Nur ein Bruchteil der COPD-Patienten bekommt eine Reha

Das gilt offenbar auch und immer noch für die pneumologische Reha-Verordnung. Im CME-zertifizierten Webinar "Reha und COPD: Praxisnah und kompakt" schätzt Dr. Konrad Schultz (Bad Reichenhall), dass nur etwa 5% aller akutstationär eingewiesenen COPD-Patienten anschließend in eine Reha kommen.

Der Lungen-Anteil am Reha-Aufkommen dürfte derzeit bei schlappen 2,5–3% liegen. Und schon das ist eine – wenn auch eher traurige – Erfolgsmeldung. "Die pneumologische Reha war vor 10 Jahren nahezu tot. In der Zwischenzeit ist sie wieder sehr nachgefragt", so der als Reha-Experte bekannte Pneumologe. Lange Wartezeiten an seiner Klinik sind die Folge – aus beruflicher Standortsicht eine komfortable Situation, angesichts des hohen ungedeckten Bedarfs landesweit aber sehr unbefriedigend: "Wir haben großen Nachholbedarf."

Das durchaus unterhaltsame und informative Webinar ist eine Werbung für die Pneumo-Reha. Dabei nimmt man es Schultz durchaus ab, wenn er sagt: "Rehabilitation ist nicht so etwas, was ein Kurdoktor erzählt, weil er seine Klinik vollmachen will, sondern ein Paket essenzieller, leitliniengemäß erforderlicher Maßnahmen." Anders formuliert: "Der GOLD-Standard der COPD-Therapie ist Rehabilitation." Oder auch: "Eine Therapie ohne Reha ist keine vollständige Therapie."

"Der GOLD-Standard der COPD-Therapie ist Rehabilitation"

In Deutschland erfolgt die Rehabilitation bisher fast ausschließlich stationär und über 3 Wochen statt ambulant über 6 Wochen, wie international eher üblich. Dabei beinhaltet die Lungen-Reha beides: Medikamente und die wichtigen Maßnahmen der nichtmedikamentösen Therapie (NMT). In allen evidenzbasierten Leitlinien, auch dem Report der Global Initiative for Chronic Obstructive Lung Disease (GOLD), ist die Reha als fester Bestandteil des Langzeitmanagements der COPD etabliert. Nur im Praxisalltag noch nicht …

Vieles von dem, was Schultz im Webinar zur Evidenzbasierung der Pneumo-Reha und zu aktuellen Daten aus eigener (Versorgungs-) Forschung anführt, können Sie hier im Blog nachlesen:

  1. Pneumologische Reha: Nutzen bewiesen – aber nicht konsequent umgesetzt
  2. Pneumologische Reha: Sport und Rauchstopp sorgen für nachhaltige Effekte
  3. Auch bei schwerem Asthma lohnt sich die Reha – wird aber kaum genutzt.

In einem Kommentar zu Beitrag 1) fragt ein Leser: "Haben Sie Informationen darüber, wie gut Pneumologen und Hausärzte ihre COPD geplagten Patienten über die Möglichkeit der Reha aufklären?"

Die Antwort lautet leider: nein. Wir können nur hoffen und dafür werben, dass die Kollegen ihren Patienten dabei helfen, die verfügbaren Reha- und ambulanten Lungensportangebote möglichst gewinnbringend zu nutzen.

Tabakentwöhnung: "die einzige kausale und preiswerteste Therapie der COPD"

Das gilt auch für Raucher, für die die Reha laut Schultz nachgewiesenermaßen ein "gutes Chancenfenster darstellt". Das betrifft einerseits die Tabakentwöhnung – "die einzige kausale und auch übrigens die preiswerteste Therapie der COPD" – und andererseits das körperliche Training, das prinzipiell dem der Nichtraucher gleicht.

In Bad Reichenhall sieht es so aus: 30% der Lungenpatienten, die in die Klinik kommen, rauchen. Davon schaffen 60% den objektiv mittels Biomonitoring belegten Rauchstopp mindestens bis wenige Tage vor Ende der Reha. Nach einem Jahr sind es noch fast 40%.

Ob Nichtrauchen oder körperliches Training: Damit die zunächst anhaltenden Reha-Erfolge nicht auf Dauer verpuffen, sind strukturierte Nachsorgeprogramme und -angebote gefragt, aber noch Mangelware. Die hausärztliche Betreuung kann hier viel Gutes bewirken, bis hin zur erneuten Reha-Verordnung.

Irgendwann verpuffen die Effekte, wenn nichts mehr geschieht …

Gemäß juristischer Vorgabe kann das Antragsverfahren alle 4 Jahre wiederholt werden. Diese Zeitspanne hält Schultz allerdings nicht für medizinisch sinnvoll. Es sollte vielmehr eine individuelle Abwägung und ggf. eine frühzeitigere Wiederholung der Reha-Maßnahme erfolgen, um für dauerhafte Effekte zu sorgen. Selbst bei den Kostenträgern hat sich der evidenzbasierte und kostensparende Nutzen der Rehabiliation bei den chronischen Lungenvolkskrankheiten Asthma und COPD mittlerweile herumgesprochen.

Seit dem 1.4.2016 gibt es den "Antrag auf den Antrag" nicht mehr. Es ist nur noch das Formular 61 zur Reha-Verordnung zu Lasten der GKV erforderlich – und das ohne zusätzliche Qualifikation des Arztes, der kein Pneumologe sein muss. Bei der Rentenversicherung, die für erwerbsfähige Patienten zuständig und vorrangig leistungspflichtig ist, stehen die Chancen auf eine erfolgreiche Antragsstellung laut Schultz viel besser als bei den Krankenkassen.

Psychische Krankheitsfolgen abfragen und in den Antrag schreiben!

Worauf ist zugunsten einer Bewilligung zu beachten? Der Patient muss "rehafähig" (also nicht zu krank zum Mitmachen) und motiviert sein. Außerdem ist ein klares Ziel zu formulieren, mit dem eine voraussichtliche Besserung (gute Prognose) verknüpft wird. Wichtig ist zudem das Abfragen der Patienten zu den biopsychosozialen Krankheitsfolgen. Schultz weist darauf hin, dass gerade die psychischen Krankheitsfolgen häufig vergessen werden. Viele COPD-Patienten sind depressiv oder haben Angst. "Wenn das im Antrag steht, ist die Chance, dass sie in die Reha kommen, sehr viel höher."

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